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Geschäft mit der Hoffnung

Dass es Matthias Rath nicht an Chuzpe mangelt, stellte der umstrittene deutsche Arzt letzte Woche auf einer Pressekonferenz in Kapstadt unter Beweis. Dort präsentierte der Mediziner ein großes Farbfoto, das ihn vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zeigt.

Dass es Matthias Rath nicht an Chuzpe mangelt, stellte der umstrittene deutsche Arzt letzte Woche auf einer Pressekonferenz in Kapstadt unter Beweis. Dort präsentierte der Mediziner ein großes Farbfoto, das ihn vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zeigt. Wer jedoch geglaubt hatte, dass Rath ob seiner kontroversen Behandlungsmethoden vielleicht mit einer Anklage durch das Gericht rechnet oder bereits von diesem verfolgt wird, sah sich rasch eines Besseren belehrt.

Nicht etwa er, sondern die Journalisten und Mediziner, die so negativ und falsch über die von ihm vertriebenen Vitaminpräparate berichteten, würden sich, so Rath, alsbald vor dem Gericht verantworten müssen - und zwar wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Zurzeit erstelle er eine Liste, auf der auch viele der gerade Anwesenden bereits verzeichnet seien, warnte er düster.

Der Hintergrund zu den abstrusen Drohungen ist schnell erklärt: Rath war bereits im letzten Jahr nach dem Tod eines kleinen Jungen in die Schlagzeilen geraten, dessen Krebserkrankung der Mediziner mit seiner alternativen Vitamintherapie heilen wollte. Inzwischen vermarktet der Deutsche seine Vitamincocktails auch in Südafrika - diesmal sollen die Vitamine allerdings nicht gegen Krebs helfen, sondern plötzlich gegen die tödliche Immunschwächekrankheit Aids.

Rath geht sogar noch einen Schritt weiter: In ganzseitigen Zeitungsanzeigen warnt er ausdrücklich vor dem Einsatz sogenannter anti-retroviraler Präparate (ARV), also jener Medikamente, die das Leben von an Aids erkrankten Menschen nachweislich erleichtert und verlängert haben. Nach Raths Meinung sind diese Präparate jedoch giftig und können deshalb tödlich wirken. Deshalb seine dunkle Drohung: Wer unter diesen Umständen ihre Anwendung befürwortet, macht sich zumindest nach Raths Logik offenbar eines "Verbrechens gegen die Menschlichkeit" schuldig.

In seinem Feldzug gegen die Verwendung von ARVs ist Rath so weit gegangen, die südafrikanische Anti-Aids-Organisation "Treatment Action Campaign" (TAC), die sich seit langem für eine landesweite Ausgabe dieser Medikamente an Aids-Kranke einsetzt, als "Handlanger der Pharmaindustrie" zu beschimpfen. Das eigentliche Ziel der Kampagne, so Rath, sei es, den Absatz der Aids-Medikamente zu steigern. TAC hat Rath inzwischen wegen Verleumdung verklagt.

Daneben wirft die Organisation dem deutschen Arzt vor, mit den von ihm vertriebenen Vitaminpräparaten bei den HIV-Infizierten falsche Hoffnungen zu wecken und die Öffentlichkeit zu verwirren. Dass immer mehr Schwarze in den Elendsviertel dem Irrglauben aufsitzen, die Pharmaindustrie veranstalte aus Profitgier einen Massenmord, hat auch die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" bestätigt. Viele der von ihr seit langem betreuten Patienten seien inzwischen nicht mehr sicher, ob die Einnahme anti-retroviraler Medikamente in der Tat das Richtige sei. TAC hat den deutschen Mediziner inzwischen offen einen "Scharlatan" genannt. "Rath behauptet, dass seine Vitamine ein Ersatz für die Verwendung herkömmlicher Anti-Aids-Mittel seien, was einfach nicht stimmt" erklärte ein Sprecher der Organisation.

In die gleiche Kerbe wie TAC schlagen auch zwei Forscher der amerikanischen Harvard-Universität, auf deren Studie sich Rath beruft. Sie werfen dem deutschen Arzt vor, ihr Forschungsprojekt "absichtlich und auf unverantwortliche Weise missinterpretiert" und für seine eigene Vitamin-Kampagne ausgeschlachtet zu haben. Beide Forscher haben darauf hingewiesen, dass Vitaminzusätze für Aids-Kranke zwar einen gewissen Nutzen hätten aber keine Alternative zur Verwendung anti-retroviraler Medikamente darstellten. Vitamine seien allenfalls als Zusatz zu verwenden. Auch betonen die US-Mediziner, dass ARVs Leben retten und überall eingesetzt werden sollten.

In Südafrika wird das Thema Aids seit Jahren kontrovers diskutiert - und genau dies hat sich Rath zunutze gemacht. Eine ganz neue Dimension hat die von ihm angestoßene Debatte am Kap dadurch erhalten, dass er in seinem Feldzug gegen die herkömmlichen Aids-Medikamente mehr oder minder direkt von der südafrikanischen Gesundheitsministerin Manto Tshabala-Msimang unterstützt wird. Diese beharrt trotz heftiger Kritik aus medizinischen Kreisen seit langem darauf, dass gesunde und vitaminreiche Kost wie Knoblauch oder Rote Beete mehr als alles andere gegen Aids helfe. Gleichzeitig hat auch die Ministerin die Wirksamkeit anti-retroviraler Medikamente immer wieder in Zweifel gezogen und statt auf ihren (erwiesenen) Nutzen allein auf deren vermeintlich gesundheitsschädlichen Auswirkungen verwiesen. Die Ministerin kann sich diese Ignoranz nur deshalb leisten, weil sie von Präsident Thabo Mbeki geschützt wird, dessen Ansichten zum Thema HIV/Aids seit langem international Kopfschütteln hervorrufen.

Die Politik der südafrikanischen Regierung in puncto Aids ist seit Jahren voller Widersprüche. Dies liegt unter anderem daran, dass auf dem Kontinent, angeheizt durch das Internet, unzählige Aids-Mythen zirkulieren. Die meisten dieser Theorien gehen davon aus, dass es sich bei Aids um eine konzertierte Aktion westlicher Pharmakonzerne oder Geheimdienste gegen die "schwarze Rasse" handele. Die Vermutung fällt in Afrika auf fruchtbaren Boden, weil sich viele seiner Bewohner in der Rolle der Opfer sehen. Viele Afrikaner sind davon überzeugt, dass die Medikamente vergiftet und nur deshalb auf dem Markt sind, damit westliche Pharmakonzerne ungestört am lebenden schwarzen Objekt experimentieren können.

Kein Wunder, das die unverzügliche Verteilung der Anti-Aids-Präparate wie sie die Gerichte am Kap inzwischen verfügt haben, auch seit der vermeintlichen Kehrtwende der südafrikanischen Regierung in ihrer Aids-Politik vor 18 Monaten kaum vorangekommen ist. Beobachter schätzen die Zahl der Empfänger zurzeit auf knapp 50.000, womit gerade einmal 10% der akut an Aids erkrankten Südafrikaner wirksam behandelt werden.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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