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Geschäfte mit dem Terror

Die Terroranschläge vom 11. September auf New York und Washington haben die Welt geschockt. Die Menschen hielten den Atem an, die Welt schien für einige Stunden still zu stehen. Doch schon am Tag nach den Terroranschlägen in den USA begannen Geschäftemacher damit, aus der verheerenden Katastrophe Profit zu ziehen. Das Geschäft mit dem Terror treibt seitdem viele angesichts des Dramas und seiner Folgen kaum fassbare Blüten.

Dass schon bald nach der verheerenden Katastrophe in New York die "Stars and Stripes"-Flagge ausverkauft war kann angesichts des berühmt-berüchtigten Patriotismus der Amerikaner kaum wundern. Auch dass T-Shirts mit dem Aufdruck "Ich habe den Terror des 11. September überlebt" schon bald der Verkaufsschlager auf den Straßen des Big Apple waren, konnte nicht wirklich erstaunen. Jeder hat eben eine andere Art, mit dem Unfassbaren umzugehen und die Trauer zu bewältigen.

Wer nicht schon bei diesen Meldungen fassungslos den Kopf schüttelte und deprimiert feststellte, dass so mancher mit dieser schier unglaublichen Katastrophe auch noch ein Geschäft macht, der tat es aber vermutlich spätestens bei dieser Meldung: Unter dem Logo "Euro-Wahl" wollte beispielsweise ein angebliches Meinungsforschungsinstitut aus den USA von deutschen Faxgeräte-Besitzern schon am Tag nach dem Anschlag wissen, was sie von einem militärischen Gegenschlag halten. Die Antwort soll per Fax an eine 0190er-Nummer gehen - für 3,63 DM pro Minute. Fast täglich wird seitdem eine neue Umfrage zu einem Terror-Thema gestartet. Mit den Ergebnissen der Umfragen, so verspricht die Firma vollmundig, würden "wichtige Entscheidungsträger" und Institutionen "konfrontiert". Besagtes "Meinungsforschungsinstitut" scheut sich auch nicht, ihre Befragten für komplett verblödet zu verkaufen: Wer nicht an den "Wahlen" teilnehmen will, möge dies bitte ankreuzen und das Formular zurückfaxen - für 3,63 Mark die Minute versteht sich.

Dirk Köster aus Volkertshausen setzte aber noch einen drauf: Auch er roch schnell nach den Terroranschlägen ein gutes Geschäft. Er sicherte sich schon wenig später die Rechte für Titel wie "Angriff auf Amerika", "Die Vergeltung", "Die Rache" und "Der Krieg des 21. Jahrhunderts" - nachzulesen im Titelschutzanzeiger Nummer 537/2001. Köster, der auf Mallorca lebt, ließ sich zudem nach eigenen Angaben die Markenrechte an dem Datum "11. September 2001" eintragen.

Doch vielleicht ist auch alles ganz anders. Vielleicht tut dem Mann Unrecht, wer ihm möglicherweise skrupellose Geschäftemacherei vorwirft. Vielleicht ist er nur ein Kämpfer für den Weltfrieden. Denn wenn man es genau nimmt, muss nun jeder "Angreifer auf Amerika" erst beim ehemaligen Volkertshausener auf Mallorca anklopfen und um Erlaubnis fragen, bevor er zuschlägt. Wenn der dann trotz denkbarer finanzieller Gegenleistung ablehnt, fallen "Die Rache" und "Die Vergeltung" und damit "Der Krieg des 21. Jahrhunderts" eben ins Wasser - und Köster bekommt womöglich noch den nächsten Friedensnobelpreis.

Schreiben Sie dem Autor: m.renner@vhb.de

Marc Renner  Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Marc Renner
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