Geschäfte mit Gott
Jesus Christ Superstar

Christliche Literatur ist aus den Bestseller-Listen der New York Times nicht mehr wegzudenken. Denn die Produktion von religiösen Büchern und CDs ist in den USA längst zu einer gut gehenden Industrie geworden.

NEW YORK. Die 43. Straße West gilt nicht eben als beste Adresse Manhattans. Nur zwei Blocks ist es bis zum irrlichternden Times Square, gleich um die Ecke liegen "Peepworld" und "Gentlemen?s Club". Hier, mitten im einst schwer verrufenen Theater-District, hat sich auch der Christian Publications Store niedergelassen, eine Art christlicher Medien-Supermarkt. Alles dreht sich um Jesus, aus den Lautsprechern kommt Halleluja-Pop, Menschen aller Hautfarben stöbern in Büchern, deren Titel eindeutig sind: "Christliche Kindererziehung", "Harry Potter und die Bibel" oder "Bibel-Studie für Privatinvestoren".

Das Geschäft mit dem Christentum boomt. In den USA besinnen sich immer mehr Menschen auf ihre christlichen Wurzeln. Angeführt werden sie dabei vom Präsidenten George W. Bush, dessen Kabinettssitzungen häufig mit einem Gebet beginnen. Deshalb ist die CD mit den Liedern des "Presidential Prayer Team" sehr populär. Die CD entstand nach dem 11. September unter der Schirmherrschaft des Predigers Franklin Graham, dessen Papa Bill den amtierenden Präsidenten wieder zurück auf den rechten Weg gebracht haben soll.

Längst ist die Produktion von christlichen Büchern und CDs zu einer gut gehenden Industrie geworden. Häufig führen christliche Titel die Bestseller-Listen der New York Times und des Wall Street Journals an. Und so drängen immer mehr große Verlagshäuser und Musik-Labels ins Geschäft. "Sowohl die Medienkonzerne als auch die traditionellen Einzelhändler haben entdeckt, dass es einen Markt für christliche Bücher gibt, und bieten sie mehr denn je an", berichtet Dan Balow, Direktor des christlichen Buchverlags Tyndale House Publishers in Illinois. Tyndale ist einer der drei Größten der Branche, knapp hinter dem an der Börse notierten Verlag Thomas Nelson aus Nashville und der Nummer zwei, der Harper- Collins-Tochter Zondervan. Mit den Romanen der "Left Behind"-Serie hat Tyndale einen Renner produziert. Die Geschichten basieren auf der wörtlichen Auslegung der Bibel, im vorläufig letzten Band "Armageddon" treten Gut und Böse zum Endkampf an. Das hat perfekt in die allgemeine politische Lage gepasst, die Titel kletterten in den Bestsellerlisten nach ganz oben.

Die Serie ist typisch für den Trend, dass nicht mehr nur Sachbücher, sondern auch christliche Romane ihren Weg in die Regale finden. Auch der deutsche Medienriese Bertelsmann ist im christlichen Buchgeschäft vertreten. "Es ist ein kleines, aber geschätztes Segment", sagt Stuart Applebaum von Random House. Dieser Bereich macht bei der Bertelsmann-Tochter Random House, mit etwa zwei Milliarden Euro Umsatz größter Publikumsverlag der Welt, knapp fünf Prozent aus.

Randal Balmer, Religionsprofessor an der Columbia University in New York, macht spirituelle Gründe für den Boom verantwortlich: "Ich glaube, es ist Teil der unerbittlichen Suche der Amerikaner nach geistiger Erfüllung." Kelly Gallagher vom Dachverband christlicher Verleger, Evangelical Christian Publishers Association (ECPA), sieht den Grund auch in der unsicheren Weltlage: "In schwierigen Zeiten wenden sich Menschen ihrem Glauben zu."

Nach Statistiken des ECPA wächst der Markt für christliche Bücher im Jahr um 15 Prozent. ECPA schätzt, dass der Markt für christliche Produkte in den USA insgesamt fast 5 Milliarden Dollar hergibt. Dabei machen Bücher etwa die Hälfte der Summe aus, Musik etwa 1,5 Milliarden. Stärker noch als der Buchmarkt ist das Musikgeschäft in der Hand weniger Konzerne. Die Bertelsmann-Musik-Tochter BMG hat Ende 2002 mit dem Kauf von Zomba für 2,7 Milliarden Dollar auch das Label Provident Music aus der Country-Metropole Nashville übernommen. Provident kontrolliert 28 Prozent des christlichen Musik-Markts. Längst gibt es die Provident-Stars des Sacro-Pops wie Michael Smith, Third Day und Jars of Clay nicht mehr nur in den 10 000 christlichen Läden in den USA zu kaufen, sondern auch bei Einzelhändlern wie Wal-Mart oder Best Buy.

"Wal-Mart ist sehr wichtig für uns", sagt Hemmings. Denn der Kern-Verbraucher von Wal-Mart gleiche dem Kern-Konsumenten von christlicher Musik: "Ländliche Gegend, niedrigeres Einkommen, gläubig". Dieser Klientel kam Wal-Mart jüngst auch entgegen, als es entschied, die Herrenmagazine Maxim, FHM und Stuff aus dem Sortiment als unsittlich zu verbannen. Die christlichen Künstler zeigten sich entsprechend dankbar. Statt im Fernsehen oder im Konzert hat die christliche Sängerin Amy Grant ihre neueste CD jüngst auf der Hauptversammlung von Wal-Mart vorgestellt.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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