Archiv
Geschäftsphilosophien am Internet-Buchmarkt

Alle verkaufen sie Bücher über das Internet. Dennoch treten die Wettbewerber Amazon, BOL und Booxtra mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen und Philosophien am Buchmarkt an.

FRANKFURT/DÜSSELDORF. Amazon ist Deutschlands größter Internet-Buchhändler und besitzt nach eigenen Angaben rund 50 % Marktanteil. Beim Buchverkauf schreibt das amerikanische Unternehmen bereits seit zwei Jahren schwarze Zahlen. Eine Erfolgsstory, die Amazon einst zum Börsenliebling machte.

Amazon wollte jedoch nicht nur Bücher verkaufen, sondern ein Warenhaus im Internet werden. Die Amerikaner setzen auf Produktvielfalt und Größe. Doch die Profitabilität fiel dieser Gemischt-Warenhaus-Philosophie bislang zum Opfer. Die Verluste konnten im zweiten Quartal 2001 zwar zum sechsten Mal deutlich gesenkt werden, doch die breit angelegte Strategie wird das Unternehmen nach eigenen Anagben erst Ende 2002 in die Gewinnzone bringen.

Allein in Deutschland beschäftigt Amazon 900 Mitarbeiter, von denen 500 im eigenen Lager in Bad Hersfeld arbeiten. Die Zusammenarbeit mit der amerikanischen Zentrale sei für Amazon Deutschland nur bei gemeinsamen Bereichen wie beispielsweise bei der Softwareentwicklung von Bedeutung, erklärt der Leiter des Buchbereichs bei Amazon Deutschland, Stephan Roppel. "Der deutsche Markt ist autonom".

Booxtra verkauft ausschließlich Bücher

Einen krassen Gegensatz zum amerikanischen Internet-Kaufhaus stellt das Augsburger Unternehmen Booxtra dar. Klaus Driever, Geschäftsführer von Booxtra, setzt auf Profitabilität, und mit seinen acht Mitarbeitern schreibt der gelernte Journalist als bislang einziger Buchhändler im Internet schwarze Zahlen.

E-Commerce funktioniert am besten mit Büchern, so Driever: "Beim Buchverkauf sind die Margen im Gegensatz zu anderen, über das Internet vertriebenen Produkten größer", sagt Driever und erläutert damit, warum Booxtra nur Bücher vertreibt.

Das kleine Unternehmen profitiert zudem von der Verflechtung mit seinem Gesellschafter "Weltbild". Darüber hinaus sind das Internet-Portal T-Online, der Stuttgarter Holtzbrinck-Konzern und der Axel Springer Verlag mit je einem Viertel an Booxtra beteiligt. Die Augsburger selbst übernahmen zudem die Münchener Mediantis AG (Buecher.de) für rund 7 Mill. DM. "Buecher.de wird als Plattform erhalten bleiben", erklärt Driever. Das Angebot sei eine gute Ergänzung zu Booxtra und Weltbild. Während der Booxtra-Kunde schnell, aktuell und "preisaggressiv" bedient werden will, schätzt der-im Schnitt jüngere- Buecher.de-Nutzer das Buch als "Kulturgut" an sich.

Dank der logistischen Unterstützung durch Weltbild kommt Booxtra mit niedrigen Fixkosten aus. Auch Werbung werde gezielt eingesetzt, "so dass wir die Wirkung direkt überprüfen können", erklärt Driever. Booxtra schaltet Werbung zur Zeit ausschließlich im Internet. Dies sei momentan nicht nur kostengünstig, sagt Driever, sondern so könne die Wirkung direkt nachvollzogen werden. "Wir werben antizyklisch", beschreibt Driever diese Booxtra-Strategie: Man schalte dort Werbung, wo es die Konkurrenz eher nicht tut. Die Augsburger werden auch in Zukunft keine "Töpfe und Pfannen" über das Internet vertreiben. Das Buchgeschäft laufe gut und profitabel. "Die Hälfte aller täglichen Nutzer sind Neukunden", berichtet Booxtra-Chef Driever.

Willkommen im Club

Europas größter Medienkonzern Bertelsmann startete 1998 mit Bertelsmann Online (BOL) als direkter Konkurrent zum Marktführer Amazon. BOL wurde durch die erste Big-Brother-Staffel schlagartig bekannt. "Wir haben uns hinter Amazon am Markt sehr gut etabliert", meint Eckhard Südmersen, Geschäftsführer von BOL. Zwischen den hausinternen Marken "Bertelsmann Club" und "BOL" herrscht seiner Meinung nach keine Konkurrenz. "Der Club und BOL haben ganz andere Geschäftsmodelle", so Südmersen. Obwohl es sich um ähnlich Produktpaletten handele, ist beim Club im Gegensatz zu BOL eine Mitgliedschaft notwendig.

Im Gegensatz zu Booxtra vertreibt BOL neben Büchern auch weitere Produkte über das Internet. "Bücher sind dennoch unser meistverkauftes Produkt", erklärt BOL-Sprecherin Ute Weinhold. Ein Angebot im Sinne der Kaufhaus-Strategie von Amazon gibt es allerdings nicht. BOL sieht seine besondere Kompetenz vor allem im Mediensektor. Beispielsweise soll der noch junge E-Book-Markt über eine Kooperation mit Microsoft weiter angekurbelt werden. "Sicherlich besitzen noch wenige Nutzer E-Books", erklärt Südmersen die Situation im Zukunftsmarkt, "jedoch kauft ein E-Book-Kunde im Schnitt mehr Bücher, als ein normaler Nutzer". BOL bietet nicht wie Booxtra nur Downloads für E-Books an, sondern vertreibt auch die Endgeräte selbst. Auch Amazon plant die Aufnahme von E-Books und entsprechenden Download-Angeboten in die umfangreiche Produktpalette. Einen genauen Zeitpunkt konnte Stephan Roppel von Amazon noch nicht nennen, doch könne dies noch in diesem Jahr passieren.

BOL war im Jahr 2000 ein Anhängsel des 51 Jahre alten Bertelsmann Buchclubs geworden, nachdem es der Online-Tochter von Bertelsmann trotz Investitionen von 300 Mill. Euro nicht gelungen war, profitabel zu werden. Die bis 2003 geplanten Ausgaben für den Online-Buchhandel wurden im letzten Jahr von Bertelsmann um 400 Mill. Euro gekürzt. Der Geschäftsführer der deutschen Buchclubs Wulf Böttger sprach damals von "Mentalitätsunterschieden" zwischen BOL und seinen Clubs.

Obwohl der Mutterkonzern jetzt mitredet, lässt BOL keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Gewinnzone erreicht werde. "Wir haben uns als Ziel gesetzt, nach fünf Jahren schwarze Zahlen zu schreiben", beantwortet BOL-Sprecherin Ute Weinhold die Frage nach der Profitabilität. Demnach hat BOL noch zwei weitere Jahre Zeit, die von Bertelsmann erwarteten Gewinne zu realisieren.

Keine Konkurrenz durch stationäre Buchhandlungen mit Internetauftritt

Eine Konkurrenz am Internet-Buchmarkt durch stationäre Anbieter, die auch im Internet vertreten sind, sieht keines der Unternehmen. Die nach Angaben des Börsenvereins rund 2100 Buchhandlungen im Internet machen nach Einschätzungen von Dr. Klaus Driever höchstens 5 % Marktanteil aus. Der gesamte Umsatz am Internet-Buchmarkt wird nach Meinung von Driever im nächsten Jahr die Milliardengrenze überschreiten. Der Börsenverein teilte mit, dass bereits in diesem Jahr für 380 Mill. DM Bücher im Internet gekauft wurden. Driever rechnet bis Ende des Jahres mit 600 bis 700 Mill. DM.

Ohne strategische Partnerschaften oder entsprechenden Marktanteil ist ein profitables Geschäft im Internet weiterhin schwierig. Der Buchmarkt hat sich bereits durch kostensenkende Kooperation bzw. Übernahmen verdichtet. Wer aber einen langen Atem, das kundenorientierteste Angebot und die etablierteste Marke hat, sieht in ein gewinnträchtige Zukunft.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%