Geschäftsstrategien noch unter Beweis zu stellen
In der Biotech-Branche trennt sich Spreu vom Weizen

Unter den börsennotierten deutschen Biotechfirmen trennt sich nach Ansicht von Experten immer klarer die Spreu vom Weizen. Branchenkennern zufolge zeigt sich zunehmend, welche Unternehmen langfristig bestehen werden.

Reuters FRANKFURT. "Bei den deutschen Biotechs kommt jetzt einfach die Ernüchterung", sagt Analystin Stefanie Philipp von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Analyst Benedikt von Braunbühl vom Bankhaus Metzler schätzt das Verhältnis zwischen den zukunftsträchtigen und den eher auf wackeligen Füßen stehenden Biotechfirmen auf etwa 50 zu 50. Daneben gebe es einige solide finanzierte Firmen, die jedoch nach wie vor die Erfolgsfähigkeit ihrer Geschäftsstrategie unter Beweis stellen müssten, sagt von Braunbühl. Wann wieder mit neuen Biotech-Börsengängen zu rechnen sei, ist nach Einschätzung der Experten ungewiss.

Seit Anfang des Jahres hat der Nemax-Biotechnologie-Index knapp ein Viertel an Wert eingebüßt. Größter Verlierer mit einem Kurs-Abschlag von fast 45 Prozent ist Morphosys, gefolgt von Rhein Biotech und Lion Bioscience, deren Aktien ebenfalls über 40 Prozent an Wert verloren haben.

Qiagen: Erfolgsversprechend

Zu den seriösen und erfolgsträchtigen Firmen zählen die Branchenkenner unter anderem das Nemax50-Schwergewicht Qiagen und die auf die Entwicklung von Medikamenten gegen Herz- und Tumorerkrankungen spezialisierte Medigene. Etwas zurückhaltender sind die Einschätzungen der Experten zu einigen Biotechfirmen aus dem Nemax50, deren Geschäftsmodelle noch nicht überzeugt hätten.

Marktbeobachter warten zum Beispiel auf einen neuen Vertrag von Lion Bioscience mit einem großen Pharmakonzern als Beleg für den Erfolg der Geschäftsstrategie des Unternehmens. Die Heidelberger Firma will Softwarepakete für den gesamten Wirkstoff-Forschungsprozess anbieten. Eine erste unternehmensweite Anwendung hat Lion beim Leverkusener Chemiekonzern Bayer implementiert und hatte weitere Kooperationen in dieser Größenordnung schon für 2001 angekündigt. Im dritten Quartal (zum 31. Dezember 2001) hatte Lion die Umsatzerwartungen der Analysten nicht erreicht, was nach deren Ansicht mit der noch nicht erzielten Kooperationsvereinbarung zusammenhängt.

Die ebenfalls im Nemax50 gelistete Evotec OAI verfehlte beim Jahresumsatz 2001 die Prognosen. Experten führen dies hauptsächlich darauf zurück, dass Evotecs Geschäftsstrategie bislang nicht aufgegangen sei. Evotec versteht sich als Komplettdienstleister von der Erforschung bis zur Produktion von Wirkstoffen. Nach Einschätzung von Analysten konzentrieren sich die Kunden dagegen vielmehr auf einzelne Dienstleistungen für bestimmte Forschungsetappen.

Die von Evotec als realistisch bezeichnete Umsatzprognose für 2002 von 85 Millionen Euro hält Merck-Finck-Analyst Juri Jenkner für seriös, sie biete allerdings auch "wenig Überraschungspotenzial". Ein drittes Unternehmen aus dem Auswahlindex des Neuen Marktes, die Martinsrieder Morphosys AG, hat vor kurzem ein neues Geschäftsmodell eingeführt. Analysten äußern sich dazu bislang positiv, aber zurückhaltend. Morphosys beschäftigte sich bisher ausschließlich mit Technologien zur Herstellung synthetischer Antikörper und baut derzeit zusätzlich einen eigenen Produktentwicklungsbereich auf.

Unsichere Zukunft für kleine Biotechs

Eine unsichere Zukunft prognostizieren die Experten für einige kleine Biotechs, unter anderem für die auf molekularbiologische Analysesysteme spezialisierte GeneScan, die Hautersatzprodukte entwickelnde Biotissue oder den Technologiedienstleister Cybio. "Den kleineren Unternehmen fehlt die kritische Größe für die volle Durchfinanzierung von Projekten, und es fehlt ihnen an Vertriebsstärke in einem von starkem Wettbewerb geprägten Markt", sagt DZ-Bank-Analyst Oliver Schlüter.

Sollte es zu einer Erholung der Märkte kommen und damit auch zu neuen Börsengängen in der Biotech-Branche, dann werden nach Einschätzung von Branchenexperten wesentlich reifere Unternehmen an die Börse streben als in den Boomjahren 1999/2000. "Es ist ein Einstieg auf hohem Niveau zu erwarten", sagt von Braunbühl. "Die Unternehmen haben die Zeit, während der das IPO-Fenster geschlossen war, nutzen können, um in die Entwicklung und die Reife ihrer Firmen zu investieren", sagt Siegfried Bialojan, Biotech-Spezialist bei Ernst & Young.

Auf einen konkreten Zeitpunkt für eine neue IPO-Welle der Biotechs will sich jedoch kein Experte festlegen. Während im Januar noch viele Branchenkenner auf Börsengänge im zweiten Halbjahr 2002 setzten, rechnen sie mittlerweile nicht vor Anfang 2003 mit einem Schub im IPO-Markt.

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