Gescheiterten Verhandlungen um neue Stellen bei VW sind ein Waterloo für die Tarifpolitik
Analyse: Machtanspruch der Tarifparteien lässt Arbeitslosen keine Chance

Wieder einmal sind die Arbeitslosen die Verlierer. 10 000 haben sich bei Volkswagen um einen Job beworben. Doch aus den angekündigten 5 000 Stellen in Wolfsburg und Hannover wird nichts. Die Vorwürfe, mit denen sich VW und die IG Metall nun gegenseitig die Schuld zuschieben, werden den Frust der Betroffenen nicht lindern. Die Arbeitslosen sind das Bauernopfer der Gewerkschaft im Kampf um die Regelungsmacht am Arbeitsmarkt: Liegt sie bei dem Angebot an Arbeitskräften und deren Nachfrage? Oder ist sie Sache der Tarifparteien?

VW hat für sein neues Lohnmodell mit dem Marktargument geworben. Die internationalen Arbeitskosten müssten die Messlatte sein, wenn ein weltweit tätiger Konzern neue Arbeitsplätze am Hochlohnstandort Deutschland schaffen soll. Die IG Metall hat dagegengehalten, VW gefährde die Errungenschaften der Tarifverträge. Auch da ist was dran. Berücksichtigt man die vielen Zuschläge und Sonderzahlungen, die die Gewerkschaft über Jahrzehnte der Automobilindustrie abgetrotzt hat, dann bietet VW in der Tat Billigjobs. Zumal das unternehmerische Risiko weit gehend auf die Arbeitnehmer verlagert werden sollte.

Für 10 000 Arbeitslose war das aber offenbar kein Hindernis, sich zu bewerben. Natürlich nicht, möchte man der ungläubigen Gewerkschaft zurufen. Denn sieht man einmal von der Daimler-Chrysler-Liga ab, dann sind 5 000 Mark pro Monat in Deutschland noch immer ein gutes Gehalt. Die IG Metall aber spricht wegen der überdurchschnittlichen Arbeitszeit von Lohndumping. Damit hat sie erstens Unrecht. Und zweitens bestätigt sie einmal mehr, dass es sich bei den Tarifverträgen um ein Kartell zu Gunsten der Arbeitsplatzbesitzer handelt, in dem die Arbeitslosen keine Rolle spielen.

Ein System kommunizierender Röhren

Denn hinter den Vorbehalten der IG Metall gegen das VW-Modell stecken in Wahrheit sachfremde Argumente. Da ist vom Widerstand mächtiger Betriebsräte anderer Autokonzerne die Rede. Da geht es um einen kämpferischen Auftritt vor der nächsten Tarifrunde. Und da spielt der Machtkampf um die Nachfolge von IG-Metall-Chef Klaus Zwickel eine Rolle, der zwischen dem jetzigen IG-Metall-Vize Jürgen Peters und seinem Rivalen Berthold Huber aus Baden-Württemberg ausgetragen wird. Das alles hat nichts mit den 5 000 neuen Arbeitsplätzen bei VW zu tun. Wohl aber mit dem System kommunizierender Röhren, zu dem die Tarifpolitik unter dem Allmachtsanspruch der Gewerkschaften geworden ist.

Das Versagen dieses Systems bei VW wird den Flächentarifvertrag weiter destabilisieren. Immer mehr Arbeitnehmer stellen das egalitäre Gerechtigkeitsmodell der Gewerkschaften in Frage. Es gelingt eben nicht, alle Beschäftigten in ein einheitliches Lohnkorsett zu zwängen. Am oberen Ende rebellieren hoch qualifizierte Berufsgruppen wie die Piloten, die ihren Marktwert auf der Gehaltsabrechnung wiederfinden wollen. Unten drängen die Arbeitslosen, die auch zu einem geringeren Preis als der Tarifnorm arbeiten wollen.

Dem Flächentarif geht es dabei wie altersschwachem Gummi. Er wird unter diesem Druck bersten, wenn er nicht bald erneuert wird. Die Reformvorschläge liegen auf dem Tisch. Ein möglicher Weg wäre ein abgespeckter Mindesttarif, der von den Unternehmen je nach Ertragslage individuell ergänzt wird. Ein anderer Weg wäre ein Baukastensystem, das Unternehmen und Arbeitnehmern von Fall zu Fall die passenden Tarifmodule zur Verfügung stellt.

Arbeitnehmer werden mit den Füßen abstimmen

Solche Reformen bringen zwar größere Gehaltsunterschiede hervor. Sie stoßen aber nicht die Tür zum Lohndumping auf, wie von den Gewerkschaften gerne behauptet wird. Denn egal ob die Tarifpolitik flexibler wird oder unbeweglich bleibt, die Arbeitnehmer werden über sie mit den Füßen abstimmen. Im Falle eines starren Flächentarifs, indem sie die Flucht aus dem System ergreifen. Im Falle der Öffnung, indem sie zu den Unternehmen mit den attraktivsten Arbeitsbedingungen wandern.

Aus gewerkschaftlicher Sicht ist die zweite Option allemal besser. Nicht von ungefähr sind deshalb auch viele Arbeitgeber weniger reformfreudig, als sie in ihren Sonntagsreden gerne verkünden. Sie haben offenbar besser als die Gewerkschaften verstanden, dass es sich bei dem Plädoyer für eine größere Betriebsnähe der Tarifpolitik eben um kein generelles Lohnsenkungsprogramm handelt.

Haben die Tarifparteien dennoch die Kraft zu den nötigen Reformen? Einerseits macht der Fall Volkswagen trotz seines Scheiterns Mut. Denn die Unterhändler der IG Metall vor Ort hatten sich weit bewegt, bevor sie von der Zentrale zurückgepfiffen wurden. Doch letztlich hätten auch sie nur die Schäden repariert, die eine zentralistische Tarifpolitik in den vergangenen zwanzig Jahren angerichtet hat. Der Weg aus der Misere ist weiter, als es scheint.

Der Flächentarif wird bersten, wenn er nicht bald erneuert wird.

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