Geschundenes Volk sucht Gerechtigkeit
Iraker wollen Asis & Co. selbst verurteilen

Mit dem ehemaligen Außenminister Tarik Asis haben die Amerikaner nun zwar einen der weltweit bekanntesten Vertreter des alten Regimes in der Hand. Doch Asis gehört nach Einschätzung vieler Iraker nicht zu den schlimmsten Handlangern Saddam Husseins.

HB/dpa BAGDAD. "Natürlich war Asis einer von ihnen und gehört bestraft, aber Saddam hatte ihn wegen seiner Fähigkeiten und nicht wegen seiner Grausamkeit ausgewählt", erklären Mitglieder der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) am Freitag in Bagdad. Sie wünschen sich vor allem, dass Ali Hassan el Madschid geschnappt wird, der Hauptverantwortliche für die Giftgasangriffe im kurdischen Norden.

Auch die Kommunisten, die unter Saddams Baath-Partei viel gelitten haben, sehen in Asis und dem Präsidentenberater Amr el Saedi, der sich als erster gestellt hatte, mehr Funktionäre, die wohl ihre Macht missbraucht, aber keine Exekutionen oder andere Grausamkeiten angeordnet haben. Zwar stand Asis stets treu zu Saddam Hussein, doch war seine Macht offenbar begrenzt. Schließlich konnte er nicht verhindern, dass sein Sohn wegen Korruption im Gefängnis landete.

Vor allem den vielen Folteropfern wäre es zum Teil lieber, die Amerikaner würden sich bei ihrer Fahndung weniger auf die Technokraten und Minister konzentrieren, sondern sich die Richter vorknöpfen, die in Scheinprozessen Tausende zum Tode verurteilt haben sowie die grausamen Folterer der Polizei und der verschiedenen Geheimdienste. "Viele Bürger kommen in unser Büro und geben uns Namen von Leuten, die ihnen oder ihren Verwandten etwas angetan haben", erklärt Abu Mustafa von der PUK. Seine Partei übergibt die Informationen der US-Armee. Was die Soldaten dann mit den Namenslisten anfangen, weiß er nicht.

Ein Großteil der Iraker legt nun auch Wert darauf, dass ihre einstigen Peiniger im Irak vor Gericht gestellt werden und nicht etwa in den USA. "Zwei Mal haben sie mich eingesperrt, weil ich gegen die Partei war - sie haben mich in der Karch-Geheimdienstzentrale nackt an der Decke aufgehängt und immer wieder mit Stromstößen gequält. Als meine Haut brannte, da haben sie gelacht", erzählt Sami Girgis Dawud. Der Mittfünfziger will sich heute nach 17 Jahren Schweigen den Schmerz von der Seele reden: "Diejenigen, die von vorneherein wussten, dass man sie hinrichten würde, haben damals im Gerichtssaal ihre Stiefel nach dem Richter geworfen, denn sie hatten nichts mehr zu verlieren".

Dawud sagt, er suche nun Gerechtigkeit. "Die 55 Hauptschuldigen auf der Liste der Amerikaner sind nicht mehr als ein Tropfen im Atlantischen Ozean", sagt er. Er will, dass alle Iraker, an deren Fingern Blut klebt, im Irak vor Gericht gestellt werden. "Wir haben gute Leute, viele Akademiker, wir können das selbst und brauchen die Amerikaner nicht", sagt er. "Wir wollen die schlimmsten Mitglieder der Baath-Partei im Zoo ausstellen, so dass jeden Tag Tausende von Irakern kommen können, um sie anzustarren", sagt ein anderes Folteropfer. Doch Dawud will winkt ab. "Nein", sagt er streng, "damit würden wir doch uns auf das Niveau von Saddams Leuten begeben".

Die US-Soldaten und die meisten Iraker gehen davon aus, dass fast alle Angehörigen der einstigen Führungsclique beim Einmarsch der Amerikaner in Bagdad untergetaucht sind. Auf Tauchstation gegangen waren am 9. April auch Tausende weniger prominenter Vertreter des Regimes, die einst ihre Macht schamlos ausgenutzt hatten, um andere zu erniedrigen und sich persönlich zu bereichern. Von ihnen wagen sich inzwischen einige wieder in die Öffentlichkeit, nachdem sie gesehen haben, dass große Verhaftungswellen seitens der Amerikaner ausgeblieben sind und es bisher kaum persönliche Racheakte gab.

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