Geschworene können sich nicht auf ein Urteil einigen
Andersen-Prozess steckt in einer Sackgasse

"Wir können keine einstimmige Entscheidung erzielen", teilten die zwölf Mitglieder der Jury nach siebentägigen Beratungen dem Bezirksgericht Houston/Texas mit. Nach fünf Wochen Anhörungen gilt dies als erstes Anzeichen dafür, dass das Verfahren womöglich abgebrochen werden muss. Richterin Melinda Harmon forderte die Geschworenen jedoch auf, die Beratungen fortzusetzen. Dazu erteilte sie der Jury eine erneute rechtliche Aufklärung und ließ sie in einem Hotel einquartieren. "Es ist Ihre Pflicht, zu einem Urteil zu kommen, sofern Sie das mit Ihrem Gewissen vereinbaren können", sagte die Richterin.

hus/Reuters HOUSTON. Die Jury besteht aus drei Frauen und sechs Männern. Die Geschworenen tagen abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Zuletzt hatten sie am Sonntag nach einem Wörterbuch verlangt. Einigen sich die Geschworenen nicht, kann das Verfahren neu angesetzt werden, was kostspielig ist. Die Staatsanwaltschaft äußerte sich zunächst nicht.

Rechtsexperten glauben, dass sich die Geschworenen in ihrer Meinung festgerannt haben. "Nach siebentägiger Beratung sind die Chancen für eine Verurteilung sehr gering", sagte Rechtsanwalt Jacob Frenkel aus Washington, ein früheres Mitglied der Wertpapieraufsicht SEC. Obwohl sich der frühere Andersen Partner David Duncan im April bereits für schuldig erklärt hatte, können sich die Juroren offenbar nicht einigen, ob die Dokumente, die im Zusammenhang mit Enron stehen absichtlich oder routinemäßig zerstört wurden.

Dem Energiehändler Enron wird vorgeworfen, seine prekäre Finanzlage mit Hilfe von dubiosen Partnerschaften verschleiert zu haben. Tausende Beschäftigte und Investoren verloren Millionen von Dollar, als das Unternehmen Anfang Dezember seinen Bankrott erklärte und die Aktien im Sturzflug fielen. Andersen war Enrons Bilanzprüfer.

Die Juroren haben nun zu entscheiden, ob Andersen die Untersuchungen der staatlichen Behörden zur Enron-Pleite absichtlich behindern wollte und damit kriminell gehandelt hat. "Wäre die Anklage in mehrere Teilklagen aufgeteilt worden, dann wäre es wahrscheinlich einfacher gewesen, einen Kompromiss zu finden", sagte Rechtsanwalt Frenkel. Kommt es zu keinem Urteil, gilt dies als Schlappe für die US-Regierung. Sie hatte beschlossen, die gesamte Firma zu verklagen anstatt sich auf einzelne Mitarbeiter zu beschränken. Die US-Regierung hatte dargelegt, dass im Fall Enron etwa eine Tonne Papier zerstört worden war. Die Verteidigung hatte behauptet, das Schreddern wichtiger Enron-Dokumente sei routinemäßig erfolgt. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, darf Andersen keine börsengehandelten Unternehmen mehr prüfen.

Andersen hat in diesem Jahr bereits 670 Firmen-Kunden verloren. Die Zahl der Mitarbeiter ist von 26 000 auf 10 000 geschrumpft. "Anderson erleidet die Todesstrafe, ohne verurteilt worden zu sein", bekräftigte Rechtsprofessor Dennis Beresford von der University of Georgia. Nach dem Klientenschwund sei jetzt nicht mehr viel zu retten.

Quelle: Handelsblatt

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