Gesellschaft
Deutsche, allein zu Haus

Noch hat der Krieg nicht begonnen. Aber die US- Basis in Giebelstadt ähnelt schon einer Geisterkaserne. Der Ort nahe Würzburg hat sich verändert. Ein Blick in eine Zukunft ohne GIs?

Sie sind gelb, sie sind aus Schaumstoff, sie sind Pflichtausrüstung am Rande des Flugfelds. Und sie sind seit ein paar Tagen so überflüssig wie Wasserski in der kuwaitischen Wüste. Ohrstöpsel, ein ganzer Sack voll. Liefen nicht irgendwo im Inneren der Kaserne der 12. Luftfahrtbrigade der US-Armee die Trommeln zweier Betonmischwagen, es wäre vollkommen still. Die Rollbahn hinter dem mannshohen Maschendrahtzaun ist leer, die Blackhawk- und Chinook- Hubschrauber, deren Motoren sonst auch die nahen Siedlungshäuser in Giebelstadt beschallen, sind verschwunden. Ausgeflogen Richtung Kuwait, genau wie die meisten Soldaten hier. "Mission ready" - weiß auf blau haben sie es sauber auf das Tor eines Hangars am anderen Ende des Flugfelds gepinselt. Die Brigade ist bereit, am Golf.

Martin Akdeniz, 28, hätte es gern lebendiger. "Sonst laufen hier mittags ständig Uniformierte lang", erzählt er von besseren Zeiten, "und man hört laute Musik aus den Autos der Amerikaner". Akdeniz steht etwas verlassen in seinem Imbiss "Little Asia" in Giebelstadt, einem kleinen Ort an der B 19, Durchgangsstation auf dem Weg von Würzburg nach Bad Mergentheim. "Die Amerikaner kochen nicht gerne zu Hause", sagt er. Auf eine Tafel hat er mit Kreide sein Spezialangebot gekritzelt: "Fried noodles with crispy duck" - gebratene Nudeln und knusprige Ente für neun Euro.

Aber seine besten Kunden speisen jetzt in der Feldküche. 40 Prozent weniger nehme er ein seit Ende Januar, sagt Akdeniz, auch wegen des gefallenen Dollars. Aus Giebelstadt sei eine "ghost town" geworden, habe ihm kürzlich eine Amerikanerin gesagt, die von einem längeren USA-Urlaub zurückgekehrt sei.

Das ist natürlich übertrieben. Giebelstadt, sechs Ortsteile, 4 650 Einwohner und mehr als 1 000 Arbeitsplätze, wird nicht zur Geisterstadt, wenn 1 200 Soldaten der US-Armee an den Golf verlegt werden. Die meisten Familienangehörigen der GIs leben schließlich weiter in ihren Mietwohnungen in Giebelstadt und Umgebung. Aber vieles ist ruhiger geworden. Und Meldungen über einen massiven Truppenabzug der Amerikaner aus Deutschland haben auch Giebelstadt aufgeschreckt.

Heinz Urbach spricht nicht gerne über dieses Thema. Da werden alle genau hingucken, wenn er dazu etwas sagt, das weiß der Presseoffizier. Und so fingert er an der Baseball-Mütze der Boston Red Sox auf seinem Kopf herum und mahnt zu Sensibilität. "Sie können nie sicher sein", sagt er dann mit fränkisch angehauchtem Akzent. "Nach dem letzten Golfkrieg sind auch viele Einheiten nicht nach Deutschland zurückgekommen."

Das weiß auch Paul Merklein, 48. Merklein ist seit vergangenem Mai Bürgermeister des Marktes Giebelstadt, und er ist Optimist: Es geht dem Ort im Speckgürtel von Würzburg gut, so gut sogar, dass Merklein die Arbeitslosenquote nicht mal genau kennt ("So zwischen vier und fünf Prozent, da müssten wir das Arbeitsamt fragen"). Es gibt den Yachtbauer Bavaria mit fast 500 Beschäftigten und ein paar andere größere Firmen. Wenn die Amerikaner tatsächlich gehen sollten, sagt der Bürgermeister, "dann werden wir schon eine Lösung finden für das Areal".

Dabei weiß Merklein, der mit seinem gedrungenen Hals und dem buschigen Schnäuzer so aussieht, wie man sich einen bayerischen Bürgermeister eben vorstellt, wie viel die US-Armee der Gegend bringt: Insgesamt leben mehr als 3 000 Amerikaner in Giebelstadt und Umgebung. Vermieter, Gastronomie und Einzelhandel, Bauwirtschaft, alle profitieren. Und wer das vergisst, der wird daran erinnert: etwa mit dem Hinweis "US Dollar financed project", "US-Dollar-finanzierte Baumaßnahme". So steht es auf einem Schild vor einem Kasernengebäude, das gerade renoviert wird.

Irgendwie gehören die Giebelstädter und die Amerikaner zusammen nach all den gemeinsamen Jahren, und vielleicht wird das nirgends so deutlich wie in dem hohen Raum ein Stockwerk unter Paul Merkleins Dienstzimmer. Hier trauen die Giebelstädter ihre Hochzeitspaare. Wenn die Brautleute sich das Ja-Wort geben, sehen sie vor sich nicht nur den Standesbeamten und das Holzkreuz an der Wand, sondern auch zwei große, gekreuzte Fahnen: links das amerikanische Sternenbanner, rechts die deutsche Flagge.

Vor diesen Fahnen steht der Mann, der hier auch bei vielen Hochzeiten dabei ist: Ernst Neige, 65, zweiter Bürgermeister und Ansprechpartner im Verbindungsbüro für deutsch-amerikanische Angelegenheiten. Neige soll auch bei Karin Limbrunner, 37, und ihrem Verlobten dolmetschen. Sie sitzt unter der gewölbten Decke im Rathaus, unter ihrem leuchtend blauen Fleece-Pullover wölbt sich ein runder Babybauch. Die Giebelstädterin ist im achten Monat schwanger, ihr in Hanau stationierter Mann wird in den nächsten Tagen in den Nahen Osten geschickt, und sie ist finster entschlossen zur Blitzhochzeit: "Entweder wir heiraten vorher oder gar nicht mehr." Ohne Trauschein habe sie keine Rechte: keinen Anspruch auf Versorgung und schon gar nicht auf Information für den Fall, dass "irgendwas passiert". Also wird jetzt geheiratet, egal wo, egal ob in Jeans oder Brautkleid. Kein Problem für Neige. "Vor dem ersten Golfkrieg haben wir Paare getraut, die in aller Eile im Kampfanzug gekommen waren." Vier US-Hochzeiten zählte er bisher in diesem Jahr.

Auch Captain John Arbino, 35 und Kasernenkommandant, hat eine Frau aus Bayern geheiratet. Er würde gerne länger bleiben als bis zu seiner für Juni befohlenen Versetzung nach Fort Huachuca in Arizona. Es sei einfach sicherer hier, sagt er und grinst. "Na, Sie wissen schon. So lange Kanzler Schröder an seiner Politik festhält, werden die Terroristen kaum in Deutschland zuschlagen."

Und falls es doch Anschlagpläne gegen die US-Armee in Giebelstadt gibt, sind ja noch die Bundeswehrrekruten aus Kempten da. Ein Lastwagen hat sie gerade in der Kaserne abgeladen. Zu bewachen haben sie an diesem sonnigen Nachmittag vor allem Soldatenfrauen. Die wohnen zwar außerhalb. Zum Einkaufen aber fahren viele in den Kasernensupermarkt, um sich ein Stück Heimat zu holen: Hershey-Schokolade und vielleicht auch "The Original GI Teddy" für 34,95 Dollar.

Tiffany Smiths Mann hat Ende Januar den Marschbefehl erhalten. Seitdem ist sie allein. Kinder hat sie nicht, und der Kontakt nach Kuwait beschränkt sich auf einen Anruf pro Woche. Und "wenn es einmal losgeht da unten, werden alle Telefonleitungen gekappt", erzählt die Kindergärtnerin. "Dann bleiben nur noch Briefe und Päckchen." Tiffany ist 28 und kam vor zwei Jahren aus Fort Bragg, North Carolina. Jetzt hat sie sich die Sonnenbrille drinnen im Neonlicht des Community Centers ins Haar gesteckt. Sie lacht mit, wenn die Freundinnen im Raum Witzchen machen, sagt, sie sei unabhängig genug, um eine Zeit lang allein zurechtzukommen. Manchmal wünscht sie sich jetzt, sie hätte Kinder, so wie viele andere hier: "Die haben wenigstens etwas, das sie beschäftigt", erzählt sie. "Wenn ich nachmittags nach Hause komme, erwartet mich eine leere Wohnung."

Natürlich wusste sie, dass so etwas wie der Irak-Konflikt irgendwann passieren könne. Aber dann war es doch "schlimm, die Männer gehen zu sehen. Und das Schlimmste ist, dass man nicht weiß, wann sie zurückkommen werden." Sie wird noch häufiger so bangen wie letzte Woche. Da ist ein Hubschrauber in einem Sandsturm abgestürzt. Vier Insassen starben, zwei davon aus Giebelstadt. Per Telefonkette verbreitete sich die Nachricht unter den Soldatenfrauen. "Ich wusste zwar, dass mein Mann momentan nicht sehr viel fliegt", erzählt Tiffany. "Aber ich war sehr nervös". Noch nervöser wäre sie gewesen, wenn sie den Nachnamen eines der Toten gekannt hätte: Smith.

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