Gesellschaften klammern sich an Hoffnungen
Mobilfunk: hohe Schulden, vage Hoffnungen

Erst kommt der Scheck, dann folgt der Sekt: 4,5 Milliarden Pfund muss das französische Mobilfunkunternehmen Orange im Frühjahr 2000 auf den Tisch legen, bevor es den Zuschlag für eine von fünf britischen UMTS-Lizenzen bekommt. Die Euphorie bei den Unterhändlern kennt keine Grenzen. Es lockt ein Milliardenmarkt.

Anderthalb Jahre später ist alles vergessen. Die scheinbar begünstigten Konzerne von damals ächzen unter der Schuldenlast von mehr als 100 Milliarden Euro allein für Lizenzen. Verzweifelt suchen sie nach neuen Umsatzquellen. Denn die Aussichten für die neue Mobilfunkgeneration sind nicht rosig.

Die Gewinner von gestern müssen aufpassen, dass sie nicht als Verlierer von morgen enden. Etwa British Telecom: Der ehemalige Monopolist häufte einen riesigen Schuldenberg an. Das führte dazu, dass sich BT erst von seinem Immobilienbesitz trennen und unter dem Druck der Grossaktionäre das Mobilfunkgeschäft BT Cellnet als MMO2 an die Börse bringen musste. Deren heute vergleichsweise geringer Schuldenstand von 500 Millionen Pfund könnte auf mehr als drei Milliarden anschwellen, weil MMO2 in den Ausbau des Netzes investieren muss.

Die Probleme von BT kommen anderen sehr bekannt vor. Bis heute hat kein großer Anbieter kommerziell verwertbare Geräte und Netze für die neue Generation präsentiert, die Datenübertragungsraten für UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) bietet. Immer wieder haben alle den Start wegen "zu wenig Endgeräten oder Problemen bei der Netzstabilität" verschoben. Vor 2003 dürfte keines der Netze im Einsatz sein. Jede Verschiebung kostet Geld, und das zu einer schlechten Zeit: Die Gewinnmargen bei den Sprachdiensten brechen weg, der Markt für Mobiltelefonie ist nahezu gesättigt. In Großbritannien haben die vier großen Anbieter Vodafone, Orange, MMO2 und One2One, eine Telekom-Tochter, über 40 Millionen Kunden oder rund 70 Prozent des Marktes.

Die Gesellschaften klammern sich an Hoffnungen. Das Geschäft mit der Datenübertragung soll die Dürreperiode bis zum UMTS-Zeitalter überbrücken. SMS-Kurznachrichten, WAP und andere Dienste sollen bei Orange und Vodafone in vier Jahren ein Viertel des Umsatzes ausmachen. Branchenexperten beschreiben dieses Ziel als "sehr ehrgeizig". Der Anteil liege derzeit bei unter zehn Prozent. Und Studien zeigen, dass Kunden nicht wesentlich mehr Geld für ihr Handy ausgeben wollen. Die Managementberatung A.T. Kearney und die Cambridge Business School haben in einer Umfrage unter 2 400 Handynutzern nur vier Prozent gefunden, die ihr Telefon auch zum Onlinesurfen nutzen will.

Die Herausforderungen werden langfristig kaum kleiner. Das vermeintlich lukrative Geschäft mit mobilen Datenübertragungen setzt eine funktionierende Infrastruktur der neuen UMTS-Netze voraus. Für den Ausbau fehlt es den hoch verschuldeten Konzernen an Geld. Börsengänge als Mittel zur Beschaffung sind derzeit kaum möglich. BT etwa musste MMO2 an Altaktionäre verschenken.

MMO2 gilt als erster Übernahmekandidat

Branchenbeobachter gehen davon aus, dass sich die Branche in den nächsten zwei Jahren gesundschrumpft. "Die Märkte sind schlicht und einfach zu klein, um fünf oder sechs unabhängige Anbieter in einem Land zu haben", sagt etwa Tressan MacCarthy von SocGen Equity Research. Als erster Übernahmekandidat gilt MMO2. Die neue Gruppe sei ein "unvollständiges" Gebilde und spiele "eindeutig nicht in der Liga von Vodafone oder Orange", glaubt John Hatherly vom Fondsmanager M&G, einem der größten Aktionäre von BT. Die ehemalige BT-Sparte startet mit 17 Millionen Kunden. Sogar die nächstgrößeren Wettbewerber Orange und T-Mobile haben mehr als doppelt so viele. Marktführer Vodafone kommt weltweit auf 96 Millionen.

Trotz einer guten Marktpositionierung und einer starken Marke leidet dagegen Orange unter der Abhängigkeit der Mutter France Telecom. Der Ex-Monopolist befindet sich zu mehr als 50 Prozent in Staatsbesitz und könnte ebenfalls gezwungen sein, sich von Vermögenswerten zu trennen. Die nötigen Investitionen in den Netzausbau dürften über den Anleihemarkt nur kostspielig zu finanzieren sein. Rating-Agenturen raten von Engagements eher ab. Die beste Rolle in dem zukünftigen Konsolidierungsspiel könnte Vodafone spielen. Dessen Chef Chris Gent gab in zwei Jahren zwar 600 Milliarden DM für Unternehmenskäufe aus. Dank der Bezahlung in eigenen Aktien vermied er jedoch eine drückende Schuldenlast. Ist die Konsolidierung erst vorbei, dürfte auch die Branche aufatmen, glaubt MacCarthy von SocGen: "Die Anleger lieben den Sektor immer noch, nur die Wachstumsperspektiven sind derzeit zu diffus."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%