Gesetz in den Niederlanden sorgt für Aufruhr
Europa streitet über aktive Sterbehilfe

Die Niederlande haben die Sterbehilfe legalisiert und mit diesem Schritt in ganz Europa eine Diskussion darüber ausgelöst, wer über Leben und Tod entscheiden darf. Knapp fünf Monate nach dem Abgeordnetenhaus billigte am Dienstagabend auch der Senat eine entsprechende Gesetzgebung. Die deutsche Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin sagte, das niederländische Gesetz sei kein Modell für Deutschland. Der Vatikan erklärte, das Gesetz verstoße gegen die Menschenwürde und bringe die Ärzte in Gewissensnöte. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland lehnte das Gesetz ab.

rtr DEN HAAG. Vor dem Gebäude in Den Haag hatten rund 3000 Demonstranten gegen das Gesetz protestiert, das noch von Königin Beatrix unterzeichnet werden muss. Gesundheitsministerin Els Borst sagte: "Ich hoffe, dass auch andere Regierungen den Mut finden werden, eine ähnliche Debatte anzustoßen."
Für das Gesetz stimmten 46 der 75 Senatoren, 28 entschieden sich dagegen. Ein Vertreter war abwesend. Das Abgeordnetenhaus in Den Haag hatte das Gesetz Ende November verabschiedet. Gemäß dem neuen Gesetz müssen Patienten aus freien Stücken und wohlüberlegt ihren Sterbewunsch äußern. Zudem muss eine enge Beziehung zwischen Arzt und Patient bestehen. Der behandelnde Arzt muss zudem zur Überzeugung kommen, dass es keine medizinische Alternative zur Sterbehilfe gibt und dem Patienten damit Leiden erspart werden. Zudem ist er verpflichtet, einen weiteren Arzt hinzuziehen. Das Gesetz schreibt außerdem vor, dass das Leben des Kranken in einer "medizinisch angemessenen Weise" beendet wird. Erwartet wird, dass das Gesetz binnen zwei Wochen in Kraft treten kann.

Der Vatikan erklärte, kein von Menschen gemachtes Gesetz könne die Zerstörung des Lebens rechtfertigen. Mit der Entscheidung richteten sich die Niederlande gegen Tausende Jahre europäischer Zivilisation. Die Würde des Menschen werde mit Füßen getreten. Auch der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, kritisierte das in den Niederlanden verabschiedete Gesetz. "Das Gebot 'Du sollst nicht töten' und die christliche Überzeugung von der Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens stehen der aktiven Sterbehilfe entgegen", sagte Kock der "Bild"-Zeitung (Mittwochausgabe). Es gebe Anspruch auf menschenwürdiges Sterben, aber kein Recht auf Tötung.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, warnte vor der Gefahr des Missbrauchs bei Sterbehilfe. "Aus meiner Sicht hat jeder das Recht auf einen würdigen Tod, niemand aber das Recht darauf, getötet zu werden", sagte Hoppe der "Bild"-Zeitung. Däubler-Gmelin forderte, die Schmerztherapie in Deutschland durch Fortbildung von Ärzten voranzutreiben. "Unsere Anstrengungen sollten darauf konzentriert werden, dass Menschen in Würde und ohne Leiden sterben können, sagte die Justizministerin der Zeitung.

Bei der Demonstration vor dem niederländischen Senat hieß es auf einem Plakat: "Sterbehilfe ist Mord". Alex van Vuuren von der Organisation "Schrei nach Leben" forderte, Ärzte sollten heilen, aber niemals töten. Seine Organisation überreichte dem Senat 40 000 Unterschriften gegen das Gesetz.

Andere Bürger in Den Haag äußerten sich positiv über das Gesetz. "Wenn ich später einmal an großen Schmerzen leiden sollte, möchte ich wissen, dass ich mich auch für Sterbehilfe entscheiden kann, sagte der 62-jährige rheumakranke Rudie Boon. Nach jüngsten Umfragen befürworteten 86 % der niederländischen Bevölkerung das neue Gesetz.

In weiteren Ländern stehen ähnliche Gesetzesvorhaben zur Debatte

Nach Ansicht von Experten könnte die niederländische Entscheidung Vorbildcharakter für andere EU-Länder haben. In Belgien soll über ein ähnliches Gesetz noch in diesem Jahr beraten werden. Auch in Frankreich, Großbritannien, Italien und Australien gibt es starke Pro-Sterbehilfe-Bewegungen. Die Direktorin der britischen Gesellschaft für Sterbehilfe, Deborah Annetts, sagte, mit der Legalisierung in den Niederlanden sei eine Barriere durchbrochen worden.

In Deutschland wird vor allem wegen des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten die Sterbehilfe mit großen Vorbehalten betrachtet. Zwischen 1939 und 1941 ermordeten die Nazis schätzungsweise 100 000 Behinderte, die nach der NS-Ideologie als "lebensunwert" galten. Bundespräsident Johannes Rau sagte dem "Mannheimer Morgen", jedes Land habe seine eigene Akzentsetzung. Deutschland müsse seinen eigenen Weg in dieser Frage finden. "Das gilt für die Sterbehilfe, das gilt für die Embryonenforschung", sagte Rau. Dabei müsse die Politik die Grenzen für die Wissenschaft bestimmen. Die Vorsitzende der Ethik-Kommission im Deutschen Bundestag, Margot von Renesse (SPD), sprach sich im Deutschlandfunk gegen eine Legalisierung der Sterbehilfe in Deutschland aus.

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