Gesetze des Wahlkampfs greifen
Showdown im Telekom-Aufsichtsrat

Spätestens am Montag muss Hans-Dietrich Winkhaus seine Meinung geändert haben. Seit 1999 kontrolliert er als Aufsichtsrat die Führung der Deutschen Telekom, und immer war er Vorstandschef Ron Sommer gegenüber loyal. Am Dienstag aber verwandelte der Aufsichtsrats-Vorsitzende eine reguläre Sitzung des vierköpfigen Aufsichtsratspräsidiums in eine "Ron-Sommer-muss-weg"-Veranstaltung - und wurde dabei unterstützt von André Leysen, dem mächtigen Verwaltungsratsvorsitzenden der belgischen Gevaert-Gruppe. Unerwartet fanden sich Gesamtbetriebsratschef Wilhelm Wegner und Verdi-Gewerkschafter Rüdiger Schulze in der Rolle der Kämpfer für Telekom-Chef Sommer wieder.

"Tierisch gekracht" habe es zwischen den beiden Parteien, heißt es in Berlin. Die beiden distinguierten älteren Herren der Kapitalseite hätten auf die sofortige Abberufung Sommers gedrängt. Die Gewerkschafter hätten zumindest einen überzeugenden Nachfolger präsentiert haben wollen. Doch da musste Winkhaus passen. Und so war nach neun Stunden nur eins klar: Das Drama geht weiter.

Am Dienstag kommt der Aufsichtsrat zu einer eilig anberaumten außerordentlichen Sitzung zusammen. Sommer, von der Kapitalseite im Aufsichtsrat nicht mehr gestützt, wird dann wohl gestürzt werden.

Buhrufe auch für Winkhaus

Ganz aufrechter Unternehmer, lässt sich Winkhaus nichts entlocken über die Zukunft Sommers und der Telekom: "Ich darf ja gar nichts sagen. Ich bin da ein Opfer unseres Rechts." Für den langjährigen, heute pensionierten Chef des Chemieriesen Henkel, war aber wohl bereits auf der Hauptversammlung der Telekom im Mai eine Welt zusammengebrochen. An der Seite Sommers, der mit eiserner Ruhe alle Buhrufe an sich abperlen ließ, wurde auch Winkhaus für die üppige Steigerung der Vorstandsgehälter bei gleichzeitig fallenden Aktienkursen ausgepfiffen. Mit hängenden Schultern, fahl im Gesicht, verließ Winkhaus nach der Telekom-Hauptversammlung schließlich am späten Abend die Köln-Arena. Schon da muss seine Überzeugung, Sommer sei auch in der jetzigen Kurskrise der richtige Mann, einen Riss bekommen haben.

Diesen Riss hat die Berliner Politik seither systematisch ausgenutzt. Als der Kurs der T-Aktie im Juni immer weiter fiel, häuften sich die Anrufe aus dem Bundesfinanzministerium, das um den Wert seiner 43-Prozent-Beteiligung an der Telekom fürchtet.

Immer öfter wurden bei Staatssekretär Manfred Overhaus, dem starken Mann im Finanzministerium, Telekom-Aufsichtsräte gesichtet. In die Präsidiumssitzung am Dienstag ließ Overhaus sich direkt zuschalten - obwohl er dem Aufsichtsrat nicht angehört. Von dem hageren preußischen Beamten kursiert noch aus Waigel-Zeiten das Bonmot, ihm sei völlig egal, wer unter ihm Minister sei. Oder eben neben ihm Staatssekretär, wie der Telekom-Aufsichtsrat Heribert Zitzelsberger.

Am Donnerstag vergangener Woche empfing Overhaus den ehemaligen Chef der Dresdener Bank und jetzigen Telekom-Aufsichtsrat Bernhard Walter im Bundesfinanzministerium. Overhaus, den sie in Berlin als das fiskalische Gewissen fürchten, wollte wohl die künftigen Risiken im Kursverlauf besser einschätzen können. Schließlich will der Bund aus dem scheibchenweisen Verkauf seiner Telekom-Aktien Pensionen der früheren Bundespost-Bediensteten bezahlen.

Walter soll den Anteilseigner Bund gewarnt haben, dass die Dinge bei der Telekom nicht zum Besten stünden. Zumindest wird dies im Ministerium so kolportiert. Walter dagegen lässt alle Äußerungen über eine angebliche finanzielle Schieflage dementieren.

Steinmeier sucht den Sommer-Nachfolger

Einen Nachfolger für Sommer sucht Bundeskanzler Gerhard Schröder indes schon länger. Aber damit ist nicht Overhaus betraut, sondern Frank-Walter Steinmeier. Der Kanzleramtsminister, Schröders Mann für schwierige Fälle, führte vergangene Woche Gespräche mit Thyssen-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme und Debis-Chef Klaus Mangold. SPD-Insider berichten, Schröder habe sich schon im Juni dazu entschieden, über Sommer den Stab zu brechen. Der Kurs fiel immer tiefer, und die Union begann damit, Schröder für die "Geldvernichtung" bei 2,7 Millionen enttäuschten Kleinanlegern verantwortlich zu machen. Als Michael Glos von der CSU Schröder vorwarf, die Bundesregierung habe "die Leute erst in die Telekom-Aktie gelockt und schaue nun tatenlos zu, wie der Kurs ins Bodenlose sinke", wusste der Kanzler, dass die Union im Wahlkampf nicht locker lassen würde.

Telekom-Insider sagen, Unionsabgeordnete hätten gegenüber Sommer-Vertrauten klar geäußert, dass sie sich die gute Gelegenheit nicht entgehen lassen könnten, Schröder beim Wahlvolk unbeliebt zu machen. Ganz nach dem Motto: Tut uns Leid für Euch, Jungs.

Entsprechend fühlen sich die Telekom-Vorstände jetzt als Opfer eines Wahlkampf-Komplotts. Fast wehmütig erinnert sich einer aus Sommers engstem Zirkel an eine lockere Runde im Mai, auf der man überlegte, was denn in diesem Jahr Thema des Sommerlochs werden könnte und einer frotzelte: "Sagt lieber nichts, hinterher sind wir?s und unser Kursverfall."

Heute lacht niemand mehr über politisches Sommertheater. Die Medienberichte, beginnend mit einer Vorabmeldung des "Focus" am Samstag, halten Telekom-Manager für eine gezielte Kampagne der Regierung. "Die wollen Sommer zum Rücktritt zwingen", wie einer sagt.

Sommer jedoch denkt nicht daran. So wie er die Buhrufe der Kleinaktionäre auf der Hauptvesammlung an sich abprallen ließ, wird er auch jetzt durchhalten. Zu überzeugt ist er, mit seiner Strategie richtig zu liegen, die Telekom zum internationalen Anbieter von Festnetz, Mobilfunk, EDV- und Onlinediensten auszubauen. Vielleicht hätte er mit einer anderen Rede auf der Hauptversammlung das Blatt noch wenden können. Nicht "wir sind die Größten" wollten die Kleinaktionäre hören, sondern einen sofortigen Verzicht auf Aktienoptionen und Gehaltserhöhungen. Dass sich der Kurs der T-Aktie seit 1996 nicht anders entwickelte als bei der Konkurrenz, wollte da schon niemand mehr hören.

Internet-Revolution machte die Kurse

Die Internet-Revolution der 90er-Jahre, mit Gründerzeit, Börsenboom und Depression, machte die Kurse - wie vor 150 Jahren bei den Eisenbahngesellschaften. Selbst ein Genie an der Telekom-Spitze hätte den Kursverfall nach dem Boom wohl nicht verhindern können.

Jetzt jedenfalls scheint es zu spät für Sommer. Falls Steinmeier bis Dienstag tatsächlich keinen Nachfolger gefunden hat, erwarten Insider das folgende Szenario: Sommer muss gehen. Telekom-Netze-Vorstand Gerd Tenzer, der mit seinen 59 Jahren selbst nichts mehr werden will, leitet das Unternehmen, bis ein Nachfolger gefunden ist. Kein guter Ausgang für den Wirtschafts-Macher Schröder.

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