Gespräch mit dem lettischen Zentralbank-Chef Ilmars Rimsevics
"Wir wollen den Euro im Jahr 2008"

Warum der lettische Zentralbank-Chef Ilmars Rimsevicsstark denkt, dass Lettland von der gemeinsamen Währung profitieren wird und was ihm in Brüssel Angst macht - ein Handelsblatt-Gespräch.

Handelsblatt: Lettland wird in einigen Monaten Mitglied der Europäischen Union sein. Hat das Land seine Hausaufgaben gemacht?


Ilmars Rimsevics: Ich denke, diese Arbeit dauert eine ganze Zeit. Wir haben das System gewechselt: Von einem System, in dem wir aufgewachsen sind, gehen wir in ein völlig anderes. Ein viel vorhersehbareres, viel besseres. Doch wir müssen noch immer lernen, uns in dieser neuen Umgebung zurechtzufinden. Wo steht Lettland in diesem System, was bedeutet es für unsere Unternehmen? Und wie können wir in einer Wirtschaft mit viel Wettbewerb überleben? Deshalb glaube ich, dass es weitere fünf bis zehn Jahre dauern wird, bis wir eine vollständige Anpassung erreicht haben und uns unter den veränderten Bedingungen auch wirklich wohlfühlen.

Wo sehen Sie noch die größten Anpassungsprobleme?

Die größten Probleme hängen vermutlich mit der Größe unseres Landes zusammen. Wir sind ein relativ junges, ein kleines Land und müssen lernen, dass es nicht leicht sein wird, alles in den Korridoren in Brüssel durchzubekommen. Davor haben wir sicherlich ein bisschen Angst. Aber wir haben noch nicht die Hoffnung verloren, dass man uns zuhört, wenn wir gut vorbereitet sind. Wir haben bereits sehr gute Erfahrungen mit der Zusammenarbeit mit der Europäischen Zentralbank gemacht.

Wann rechnen Sie mit der Teilnahme Lettlands an der Europäischen Währungsunion?

Wir wollen den Lats, der derzeit an die Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds (IMF) gekoppelt ist, vom 1. Januar 2005 an den Euro binden. Unser Ziel ist es außerdem, unsere Währung vom 1. Januar 2005 an das EWS 2-System zu koppeln. Dieser Zeitpunkt wird also eine völlig neue Ära unserer Finanzgeschichte eingeläutet. Wir haben das Datum 1. Januar 2005 gewählt, nachdem wir ausführliche Diskussionen mit Unternehmen, mit dem Finanzsektor geführt haben. Alle waren sich einig, dass die Zeit ausreicht, um bis dahin die notwendigen Veränderungen vorzunehmen. Nach unserem EU-Beitritt am 1. Mai 2004 wird die Zeit auch reichen, um mit den anderen EU-Mitgliedern die Diskussionen über einen richtigen Wechselkurs zu führen. Danach müssen wir zwei Jahre in dem EWS 2-System sein. Unsere Zeitplanung sieht vor, dass wir am 1. Januar 2008 den Euro einführen können.

Wird die Europäische Zentralbank bei der Zinssetzung auf die wirtschaftliche Situation eines so kleinen Landes wie Lettland Rücksicht nehmen?

Natürlich werden wir an Einfluss verlieren, und nicht jede Entscheidung der EZB wird gut für Lettland sein, aber dafür gewinnen wir an Stabilität durch eine viel größere Währungsregion. Niedrigere Leitzinsen, niedrigere Darlehenszinsen, niedrigere Kosten beim Devisen-Umtausch ­ all das wiegt die Nachteile auf.

Der Stabilitätspakt ist wegen Frankreich und Deutschland ins Gerede gekommen...

Wir folgen diesen Diskussionen mit großem Interesse. Für kleine Länder ist es sehr interessant zu sehen, ob man kleine und große EU-Staaten gleich behandelt. Viele Staaten haben die richtigen Entscheidungen getroffen, um den Stabilitätspakt einzuhalten, sie haben unter diesen Entscheidungen gelitten, deshalb wollen wir gucken, ob das auch honoriert wird oder ob Ausnahmen gemacht werden. Bisher sind wir zuversichtlich, dass der Stabilitäts- und Wachstumspakt überleben wird.

Streben Sie einen Beitritt zur Währungsunion zusammen mit den beiden anderen baltischen Staaten Estland und Litauen an?

Natürlich sprechen wir regelmäßig miteinander. Estland und Litauen haben einen ähnlichen Zeitplan, aber beide Staaten haben bereits ihre Währungen an den Euro gekoppelt, so dass die Euro-Einführung bei ihnen etwas schneller gehen könnte. Wir in Lettland müssen ja zunächst mit den übrigen Euro-Ländern über den Wechselkurs verhandeln, zu dem unser Lats an den Euro gekoppelt wird.

Es gibt Ökonomen, die eine lettische Euro-Teilnahme 2008 als zu früh ansehen. Sie meinen, dass das Land noch eine längere Zeit einen flexibleren Wechselkurs bräuchte....

....wir haben doch diese Flexibilität in den vergangenen zehn Jahren gehabt. Ich meine, diese Zeit war lang genug, und je länger man wartet, desto größer wird die Gefahr, dass der Eindruck erweckt wird, irgend etwas sei nicht in Ordnung. Deshalb sollten wir recht zügig weitermachen.

Glauben Sie, dass die baltischen Staaten von den neuen EU-Kandidaten als erste auch der Währungsunion beitreten?

Ja, es sieht danach aus. Wie ich schon erwähnte, kann es für uns in Lettland wegen der noch notwendigen Anbindung unserer Währung an den Euro etwas dauern. Aber ich glaube, dass die baltischen Staaten dennoch zu den ersten neuen Euro-Ländern zählen werden.

Lettland gehört zurzeit zu den wirtschaftlichen Boom-Ländern in Europa. Wie beurteilen Sie die ökonomische Situation des Landes?

Ja, Lettland ist zurzeit die am schnellsten wachsende Wirtschaft in Zentral- und Osteuropa. Vermutlich sogar in ganz Europa. Lettland hatte im ersten Halbjahr 2003 eine Wachstumsrate von 7,5 % des Bruttoinlandsprodukts. Für das gesamte Jahr rechnen wir mit einem Wachstum von 6,5 bis 6,6 %, womit unser Land immer noch das am schnellsten wachsende in Europa wäre. Die Inflation lag mit 1,9 % im vergangenen Jahr auf einem rekordniedrigen Niveau. In diesem Jahr wird sie vielleicht ein wenig anziehen. Das liegt in erster Linie an dem erstarkten Euro, der einige Importprodukte verteuern wird. Außerdem sind wegen der schlechten Situation in unserer Landwirtschaft einige Preise für Agrarprodukte angezogen. Deshalb rechnen wir für das gesamte Jahr mit einer Inflation von 3 bis 3,1 %. Unsere makroökonomischen Indikatoren entsprechen voll und ganz den Maastricht-Kriterien, deshalb sehen wir keine Probleme, unsere Währung, den Lats, an den Wechselkursmechanismus des Europäischen Währungssystems EWS 2 zu binden.

Sehen Sie keinerlei Zeichen einer Überhitzung der lettischen Wirtschaft?

Nein, das sehen wir nicht. Ende vergangenen Jahres und zu Beginn diesen Jahres als das Wachstum bei fast 9 % lag, konnte man gewisse Überhitzungstendenzen erahnen, doch jetzt ist unser Wachstum etwas gebremst. Unser Ziel ist ein stabiles Wachstum. Wir können deshalb klar sagen, dass Zentralbank die notwendigen Schritte unternehmen würde, wenn Überhitzungszeichen zu beobachten wären.

Das Gespräch führte Helmut Steuer.

Ilmars Rimsevics wurde 1965 in Riga geboren. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Riga und den USA bekleidete er mehrere Ämter in der lettischen Verwaltung bis er 1992 stellvertretender Zentralbankchef wurde. Seit 2001 ist er Gouveneur der Zentralbank in Riga.

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