Gespräch mit Iraks Außenminister Sabri
„Die USA wollen weltweite Hegemonie“

Iraks Außenminister Nadschi Sabri behauptet, Waffeninspekteure würden nur deshalb in sein Land entsandt, um den Amerikanern bei ihren Kriegsvorbereitungen zu helfen. Deutschland und Frankreich verhielten sich in der Irak-Frage mit ihrem Widerstand gegen Washington dagegen "vorbildlich".

HB BAGDAD. Der irakische Außenminister Nadschi Sabri wirft den Uno-Waffeninspekteuren vor, zumindest in der Vergangenheit in seinem Land spioniert zu haben. "Wenn sie etwa in ein Militärlager gehen, in Präsidentenbüros oder Paläste - was hat das mit der Suche nach Massenvernichtungswaffen zu tun?", fragte Sabri in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Offenbar verfolgten die Inspektoren das Ziel, sich mit bestimmten Örtlichkeiten vertraut zu machen, um die Informationen dann an Amerikaner, Briten und Israelis weiterzugeben. So seien im Dezember 1998 während der Operation "Desert Fox" genau jene Ziele bombardiert worden, die zuvor von den Inspekteuren besucht worden waren.

"Wenn die Inspektoren jetzt diese militärischen Einrichtungen besichtigen und Akten einsehen wollen, dann wollen sie tatsächlich unsere Verteidigungsmaßnahmen ausspionieren und unsere Arrangements für unsere Truppen." Doch der Irak müsse an seine nationale Sicherheit denken. Die Inspektoren hatten 1998 den Irak verlassen, weil sie nach eigenen Angaben ständig bei ihrer Arbeit behindert wurden. Jetzt hatte sich das irakische Regime unter internationalem Druck bereit erklärt, die Kontrolleure nach vier Jahren wieder ins Land zu lassen.

Wenn die Vereinigten Staaten erklärten, sie wollten die irakischen Massenvernichtungswaffen vernichten, so sei das nur ein vorgeschobenes Argument. "Es ist Unsinn, von Massenvernichtungswaffen zu sprechen; wir haben keine solchen Waffen, wir haben nichts", betonte Sabri.

Der US-Geheimdienst CIA warnte dagegen noch Anfang Oktober in einem Schreiben an den Senat, dass der Irak über chemische und biologische Waffen verfüge und diese im Falle eines Angriffes auf sein Territorium auch einsetzen werde. Experten glauben, dass Saddam Hussein immer noch mit Milzbranderregern oder Nervengift bestückte Waffen besitzt.

Der Außenminister glaubt, dass der Irak vor allem wegen seiner unabhängigen Position ins Visier der USA geraten ist. "Wir haben die menschlichen und die natürlichen Ressourcen, die uns eine vollständige Unabhängigkeit erlauben." Doch eben dies fordere die USA heraus, die die Unabhängigkeit anderer Nationen schwächen wollten.

Sabri warf den USA vor, in der Diskussion über die Rückkehr der Waffeninspektoren immer wieder die "Spielregeln" zu verändern. Während zum Beispiel die Aufhebung der Sanktionen gegen den Irak ursprünglich von einem Truppenabzug aus Kuwait abhängig gemacht worden sei, habe die Uno später unter dem Druck Washingtons die Messlatte immer höher gelegt. Inzwischen sei von einer Aufhebung der Sanktionen keine Rede mehr, sondern nur noch von einem Krieg, falls die Bedingungen der Inspektoren nicht erfüllt werden. "Die Resolution des Sicherheitsrates sagte aber ursprünglich: Wenn der Irak nicht kooperiert, dann bleiben die Sanktionen in Kraft. Jetzt aber werden die Regeln geändert: Wenn die Kooperation nicht ausreicht, dann gibt es Krieg", sagte Sabri.

Der Außenminister rechnet jedoch nicht mit einem militärischen Alleingang der USA gegen sein Land. "Die Vereinigten Staaten suchen mit aller Kraft nach einer Absicherung ihrer Aggression gegen den Irak durch den Uno-Sicherheitsrat. Sie brauchen eine Legitimierung durch die Uno, um die öffentliche Meinung hinter sich zu bringen - vor allem angesichts einer zunehmend kritischeren Öffentlichkeit." Ohne eine Uno-Resolution sei es für die US-Regierung schwierig, auf andere Länder Zwang auszuüben, bei einer Militäraktion mitzumachen.

Der Außenminister sagte, dass es in der aktuellen Auseinandersetzung nicht nur um eine Angelegenheit zwischen den Vereinigten Staaten und dem Irak gehe. "Die USA wollen das gesamte internationale Recht verändern und die Welt ihrer Hegemonie unterordnen", erklärte der Außenminister in seinem Amtssitz in Bagdad. Dabei stünden wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Es sei kein Geheimnis, dass die USA planten, das irakische Öl zu kontrollieren: "Wer die Ressourcen in der Region kontrolliert, hält den Schlüssel für Wohlstand und Stabilität in den Industrienationen in der Hand." Doch der Schaden einer solchen Interessenpolitik werde sich nicht allein auf den Irak und dessen Nachbarn beschränken, sagte Sabri.

Den deutschen Widerstand gegen die US-Kriegspläne, der zu einer schweren Belastung der transatlantischen Beziehungen geführt hatte, lobte Sabri. Die Bundesrepublik könne ein Vorbild auch für andere Staaten sein. "Deutschland wie auch Frankreich sind bereit, ihre Verantwortung als führende Nationen in Europa zu schultern", sagte der Außenminister. "Und wenn damit auch andere Staaten ermutigt werden, dem amerikanischen Druck zu widerstehen, dann werden die USA nicht erfolgreich sein."

Sabri sieht inzwischen auch bei den Nachbarn des Irak wachsende Skepsis gegenüber Washington:. "Es gibt eine Stimmung unter den arabischen Regierungen, dass sie nach dem Irak selbst Ziel der USA werden könnten."

Quelle: Handelsblatt

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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