Gespräch mit Yannick Noah
"Ohne böse Buben ist Tennis tot"

Der letzte Tennis-Held der "Grande Nation" zieht genüsslich an seiner Zigarette, denkt wehmütig an die guten alten Zeiten und schüttelt seine Rasta-Locken.

dpa PARIS. "Ohne die "bad guys" ist Tennis heute tot. Ich langweile mich. Durch den Verhaltenskodex ist unser Sport gekillt worden. Diese Benimmregeln einzuführen - das war eine der schlimmsten Entscheidungen von ATP und ITF", erklärt Yannick Noah, der große Tennis-Entertainer der 80er Jahre, in einem dpa-Gespräch während der French Open in Paris.

"Bad guy" auf dem Tennisplatz

Yannick Simon Camille Noah - so bunt, exotisch und geheimnisvoll wie der Name ist auch der Mensch. Der Sohn eines Fußballprofis aus Kamerun und einer Französisch-Lehrerin aus Nizza war selbst ein "bad guy", ein böser Bube, auf dem Court. Aber vor allem war er ein Spaßmacher, der Publikumsliebling, Idol von Millionen Fans, manchmal wandelnd auf der schmalen weißen Linie zwischen Clown und Witzfigur.

Heute ist der "Rasta-Man" mit der Model-Figur zuallererst "Profi-Vater" von vier Kindern ("Das ist eine Jahrhundert-Aufgabe"), jettet zwischen New York und Paris hin und her, sorgt sich um tausende Straßenkinder im Hilfswerk "Les Enfants de la Terre" - und stürmte als erfolgreicher Pop-Sänger schon mehrfach die Charts.

1983 hatte Noah als bislang letzter Franzose die French Open gewonnen, war 1991 Kapitän der siegreichen Daviscup-Musketiere, sechs Jahre später führte er das Damenteam zum Fedcup-Triumph. Heute ist Noah 42, tingelt auf der lukrativen Seniors-Tour, hat mit Tennis aber nicht mehr viel am Hut. Es ist zwar noch sein Sport - aber eben nicht mehr das "Tennis zum Anfassen" wie einst.

Keine Emotionen mehr

"Früher gab es 30, 40 Top-Spieler, und jeder Fan kannte sie, wusste alles über sie. Heute ist das Niveau viel höher, der Wettkampf extrem hart. Von den 200 Spitzenspielern kann praktisch jeder jeden schlagen - aber es gibt keine Emotionen mehr", meint der 23-malige Turniersieger. "Das sind Maschinen, aber keine Persönlichkeiten. Und das System bietet ihnen die Bedingungen, damit sie zu Maschinen werden. Da fehlen Feuer und Eis. Die Fans sehen die Spieler, aber sie kennen sie nicht."

Yannick Noah ist das älteste von drei Kindern der Familie, mit 16 Jahren entschloss er sich gegen den Willen seines Vaters zu einer Profi-Karriere. Er hatte Talent - und Glück. "Es ist doch kein Wunder, dass in vielen Sportarten die meisten Champions aus den unteren Klassen der Gesellschaft kommen", behauptet er. Und warum? "Weil sie motiviert sind. Wenn du von Anfang an in einem wohlhabenden Umfeld aufwächst, ist es ganz natürlich, dass du früher oder später die Motivation verlierst", sagt der in Sedan geborene Franzose. "Du bist irgendwann nicht mehr hungrig, sondern satt."

Unglaublich findet Noah das Gerangel im deutschen Daviscup-Team. "Ich habe gehört, da feilschen die Spieler um Antrittsprämien, wollen Spielgarantien. Ein Desaster", sagt er. "Für einen Franzosen ist ein Einsatz im Daviscup die allergrößte Ehre. Keiner würde jemals Geld verlangen, nie, niemals." Dies sei eine ungesunde Entwicklung, "denn dann kommt bald die Nummer 30 und will Geld, und später hält auch die Nummer 40 die Hand auf."

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