Gespräche in recht konkretem Stadium
Deutsche Börse AG will Clearstream ganz

Die Deutsche Börse AG erwägt die vollständige Übernahme des Wertpapierabwicklers Clearstream. Dort geht es derzeit drunter und drüber. Am Mittwoch legten CEO André Lussi und zwei weitere Manager vorübergehend ihre Posten nieder. Der Hintergrund: Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Geldwäsche.

HB FRANKFURT/M. Die Deutsche Börse AG, Frankfurt, hat offenbar eine Verwendung für die Milliarden-Einnahme aus dem Börsengang gefunden. Vorstandschef Werner G. Seifert erwägt die vollständige Übernahme des Wertpapierabwicklers Clearstream International, an dem die Deutsche Börse bereits mit 50 % beteiligt ist. Nach Informationen des Handelsblatts sind die Gespräche mittlerweile in einem recht konkreten Stadium.

Clearstream ist neben der in Brüssel ansässigen Euroclear der führende Abwickler von Wertpapiergeschäften in Europa. Das Unternehmen entstand Ende 1999 aus der Fusion der Abwicklungs-Tochter der Deutschen Börse und der Luxemburger Cedel. Neben dem Frankfurter Finanzkonzern sind heute 93 Banken über dieBeteiligungsgesellschaft Cedel International beteiligt.

Mit einer Vollübernahme könnte die Börse ihre Position als Anbieter der kompletten Wertschöpfungskette vom Aktienhandel über die Abwicklung von Wertpapiergeschäften bis zur Aufbewahrung der Titel stärken. Eine derartige vertikale Struktur - in Fachkreisen "Silo" genannt - gilt im europäischen Kontext als Wettbewerbsvorteil der Deutschen Börse. Allerdings weist auch die Dreiländerbörse Euronext ist ein solche Silo-Struktur auf, nicht aber die London Stock Exchange (LSE).

Börsen-Aufsichtsrat bereits am 3. Mai informiert

Nach Informationen des Handelsblatts hat Seifert den Börsen-Aufsichtsrat bereits am 3. Mai über seine Kaufabsicht informiert. Agenturberichten zufolge soll die Börse den übrigen Aktionären bereits am Dienstagabend in Luxemburg ein Angebot unterbreitet haben, ohne freilich auf finanzielle Einzelheiten einzugehen.

In Frankfurter Finanzkreisen gilt dies aber als unwahrscheinlich.Vielmehr dürfte es bei dem Treffen des Clearstream-Boards, das statt der geplanten Hauptversammlung einberufen wurde, über die akute Krise bei Clearstream gegangen sein, die gestern CEO-André Lussi zu einem "zeitweiligen Verzicht" auf seinen Posten nötigte.

Hintergrund sind die Ermittlungen der Luxemburger Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Geldwäsche. Dieser Vorwurf geht auf ein kürzlich in Frankreich erschienenes Buch zurück. Demnach soll es bei der früheren Cedel, deren Chef Lussi war, zahlreiche Geheimkonten gegeben haben, die für Geldwäsche genutzt wurden. Außer Lussi legten zwei weitere Clearstream-Manager ihre Posten nieder. Übergangsweise wird André Roelants, Chairman von Dexia/BIL und Mitglied des Clearstream-Verwaltungsrats, als CEOfungieren.

Das Ausscheiden von Lussi könnte die Übernahme von Clearstream durch die Deutsche Börse erleichtern. Denn die Beziehungen zwischen Seifert und Lussi gelten als schwierig. Für den Frankfurter Konzern ist der Abwickler freilich schon jetzt außerordentlich wertvoll. "Clearstream und nicht etwa das Xetra-Handelssystem ist der Wert-Motor der Börse", urteilt die Commerzbank in einer jüngst veröffentlichen Analyse. Die 50 %-Beteiligung an Clearstream trage mehr zwei Fünftel zum Gesamtwert des Unternehmens bei. Der Marktwert der Börse liegt aktuell bei 4 Milliarden Euro. Legt man diese Bewertung zu Grunde, könnte sich der Kaufpreis für die restlichen 50 % in der Größenordnung von 1,6 Milliarden Euro bewegen.

Eine Übernahme von Clearstream durch die Deutsche Börse würde auf jeden Fall Bewegung in die europäische Abwicklungslandschaft bringen. Insbesondere die internationalen Großbanken drängen seit längerem auf einen Zusammenschluss von Clearstream mit Euroclear. Sie erhoffen sich von einer Fusion erhebliche Einsparungen in der kostspieligen Abwicklung grenzüberschreitender Wertpapierkäufe.

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