Gespräche werden am Dienstag fortgesetzt
Tarifverhandlungen geraten unter Druck

Der Gewerkschaft Verdi und den Arbeitgeberverbänden läuft im Einzelhandel die Zeit davon: Ihre Tarifverträge sind noch nicht auf der Höhe des neuen Ladenschlussgesetzes - doch auch weniger als zwei Wochen vor dem ersten Samstag, an dem die Läden bis 20 Uhr öffnen dürfen, ist in der Tarifrunde für die 2,5 Millionen Beschäftigten keine Annäherung in Sicht.

DÜSSELDORF. "Die bisher vorliegenden Angebote der Arbeitgeber sind nicht verhandlungsfähig", findet Verdi-Vorstandsmitglied Franziska Wiethold. Dagegen klagen Arbeitgebervertreter, selbst im Vergleich mit anderen Verdi-Fachbereichen gebärde sich die Gewerkschaft im Handel "ausgesprochen bockbeinig".

In mehreren der nur durch lockere Koordination verbundenen 16 Tarifbezirke sind mittlerweile vier Verhandlungsrunden vertagt worden. Einziges greifbares Resultat: Verdi verstärkt die Warnstreiks. Zwar baut auch Verdi nicht darauf, die längere Ladenöffnung am Samstag auf dem Umweg über die Tarifpolitik blockieren zu können. Allerdings kann die Gewerkschaft die Nutzung der neuen Freiheiten für die Händler zu einem Hindernislauf machen.

Die bisher geltenden Manteltarifverträge sehen für viele Regionen vor, dass Beschäftigte samstags für Arbeitszeiten zwischen 14 und 16 Uhr Lohnzuschläge von 20 % erhalten. Öffnen die Läden nun länger, wäre die Zeit nach 16 Uhr wieder zuschlagsfrei. Gleichzeitig werden die bisher in den Betrieben praktizierten Arbeitszeitmodelle obsolet, die auf dem alten Recht mit kurzer Samstagsöffnung aufbauen. Die Folge: Beide Tarifparteien können mit den alten Verträgen nicht mehr froh werden. Zwar hätten die Arbeitgeber wenig dagegen, wenn sie an Zuschlägen sparen könnten. Doch zugleich sind sie in wichtigen Arbeitszeitfragen auf die Kooperation der Betriebsräte angewiesen - etwa, wenn es um neue Arbeitszeitmodelle oder schlicht das Genehmigen von Überstunden geht.

Diese Kooperation soll es nach dem Willen von Verdi aber so lange nicht geben, wie die Arbeitgeber nicht umfangreiche Zugeständnisse im Tarifrecht gemacht haben. "Wir rufen alle Betriebsräte auf, keine Betriebsvereinbarungen abzuschließen, es sei denn, sie sind befristet und enthalten wichtige Eckpunkte aus unseren Tarifforderungen", heißt es in Appellen der Arbeitskreise der Betriebsräte, die Verdi kürzlich initiiert hat.

"Eine unzulässige Verbetrieblichung der Tarifpolitik", schimpft Heribert Jöris, Geschäftsführer beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels. So zerstöre man gewachsenes Vertrauen zwischen Betriebsräten und Unternehmensleitungen. Auch wenn die Arbeitgeber an einer raschen Tarifeinigung interessiert seien, werde man sich nicht auf eine "Einigung um der Einigung Willen" einlassen.

Dabei sind die Manteltarifverträge nur eines der Streitthemen, die bis nächste Woche geklärt werden sollen: Verdi will je nach Region Lohnerhöhungen von 3,5 bis 4,5 % durchsetzen - für eine Laufzeit von einem Jahr, verbunden mit einer überdurchschnittlichen Anhebung in den unteren Lohngruppen. Die Arbeitgeber bieten bisher Erhöhungen in drei Stufen von 1,3, dann 0,7 und schließlich 1,2 % über rund zwei Jahre.

Gleichzeitig drängen die Arbeitgeber auf Öffnungsklauseln für wirtschaftlich schwache Betriebe oder darauf, dass einzelne Lohnbestandteile an die Ertragslage gekoppelt werden. Sie verweisen auf den als wegweisend gefeierten Tarifvertrag im Bankgewerbe. Im Handel weist Verdi das Ansinnen jedoch kategorisch zurück. am Dienstag werden die Tarifgespräche in den Bezirken Hessen und Rheinland- Pfalz fortgesetzt.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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