Gespräche zwischen den Medienkonzernen gehen weiter
Time-Warner und EMI stoppen Fusion

Reuters LONDON. Der britische Musikkonzern EMI und die amerikanische Warner Music haben nach harten Verhandlungen mit der EU-Kommission ihren Plan aufgegeben, zum größten Musikunternehmen der Welt zu fusionieren.

EMI und Warner Music halten aber eine Fusion für sinnvoll und arbeiten nach eigenen Angaben deswegen an einem neuen Plan, der auch für die Kartellbehörden akzeptabel ist. Auf die deutsche Musikbranche hat die jüngste Entwicklung bei EMI und Warner Music Branchenexperten zufolge keinen direkten Einfluss.

Einem Zeitungsbericht zufolge prüft jedoch Bertelsmann nun einen Zusammenschluss mit EMI. Unterdessen gaben zwei der größten EMI-Aktionäre einem veränderten Fusions-Plan weiterhin Chancen.

EMI und und die Muttergesellschaft von Warner Music, Time Warner, teilten am Donnerstag mit, sie hätten die Vereinbarung über die Fusion von EMI mit Warner Music annulliert und dementsprechend den Antrag auf die Genehmigung des Zusammengehens durch die Europäische Kommission zurückgezogen.

"Der Rückzug des Antrags gibt uns mehr Zeit, um die Bedenken der Aufsichtsbehörden zu zerstreuen und Lösungen in Europa und den USA zu finden", sagte EMI-Chef Eric Nicoli bei der Ankündigung der Rücknahme des Genehmigungsantrags. Die Unternehmen arbeiten nun an einer neuen Fusionsvereinbarung, die auch die Bedingungen der Kartellbehörden erfüllen solle. EMI und Time Warner seien überzeugt, dass es ein "starkes Potenzial" gebe, einen Plan auszuarbeiten, der von den Aufsichtsbehörden genehmigt werde, hieß es in unternehmensnahen Kreisen. Die Unternehmen hätten ihr Vorhaben deswegen aufgegeben, weil sie die Zeit bis zur erwarteten Entscheidung der Kommission am 11. Oktober 2000 zu kurz gefunden hätten, um die für eine Genehmigung notwendigen Änderungen vollzuziehen.

In Branchenkreisen hatte es zuvor geheißen, die EU-Kommission werde die Vereinbarung wegen kartellrechtlicher Bedenken nicht genehmigen. Die Bedenken der Kommission fußten auf Befürchtungen, dass nach der Bildung des Unternehmens Warner EMI Music nur noch vier statt bislang fünf große Plattenfirmen existieren und diese gemeinsam den Markt beherrschen würden. Beim Musikvertrieb würden EMI/Time Warner über die bei weitem höchste Anzahl von Rechten (Copyrights) verfügen, hatte die Kommission bei der Aufnahme der ausführlichen Prüfung des Vorhabens im Juni erklärt. Es gebe zudem deutliche Hinweise darauf, dass das geplante Unternehmen den Musikvertrieb im Internet dominieren würde.

Der neue Musikgigant sollte Weltstars wie Madonna, Eric Clapton, und Phil Collins (Warner) sowie die Spice Girls oder die Beatles (EMI) vermarkten und dabei einen Jahresumsatz von mehr als acht Mrd. $ erwirtschaften. Das geplante Unternehmen hätte zum Hauptrivalen der Universal Music Group, einer Tochter der kanadischen Seagram, werden können. Der Unterhaltungskonzern Time Warner will des weiteren mit dem Internetanbieter AOL zusammengehen und damit das größte Medienunternehmen der Welt werden. Es wird damit gerechnet, dass die europäische Kartellwächter diesem Vorhaben am 24. Oktober zustimmen werden.

Die jüngste Entwicklung bei EMI und Warner Music hat auf die deutsche Musikbranche nach Einschätzung des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft keinen direkten Einfluss. Sprecher Thorsten Hansen sagte, EMI und Time Warner seien auf dem deutschen Markt auch während der bisherigen Verhandlungen beim "business as usual" geblieben.

Bertelsmann prüft einem Zeitungsbericht zufolge einen Zusammenschluss seiner Tochtergesellschaft BMG mit EMI. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in ihrer Freitagausgabe unter Berufung auf gut informierte Industriekreise berichtet, habe sich der Gütersloher Konzern das Ziel gesetzt, die weltweite Nummer eins im Musikgeschäft zu werden und erwäge dazu auch den Weg von Fusionen und Übernahmen, hieß es. Bertelsmann-Pressesprecher Manfred Harnischfeger lehnte am Donnerstagabend eine Stellungnahme zu dem Bericht ab. "Wir nehmen zu Spekulationen dieser Art keine Stellung", sagte Harnischfeger. Bei der Bertelsmann-Tochter BMG in München war am Donnerstag vor Bekanntwerden des Berichts niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. In der Musikbranche rangiert die Bertelsmann Music Group (BMG) unter den ersten fünf Unternehmen weltweit und strebt einen Ausbau dieser Marktposition an.

Nach Einschätzung von Analysten allerdings wird sich die Aufgabe der Fusionspläne auf die gesamte "TMT"- (Telekom, Medien und Technologie) Branche auswirken, weil EMI und Time Warner als Vorreiter der Konsolidierung gesehen wurden. Medien-Analystin der Commerzbank, Nicola Stuart, sagte: "Dies ist wirklich schlecht für die Medien-Industrie, weil sie die Aussichten der TMT-Konsolidierung untergräbt". In Branchenkreisen hieß es weiter, die EMI-Aktionäre würden eventuell andere Fusionsmöglichkeiten erforschen. Es sei allerdings fraglich, ob sie bereit seien, in einen neuen wettbewerbsrechtlichen Marathon einzugehen.

Von Seiten einiger EMI-Aktionäre war unterdessen zu hören, der Fusionsplan habe in veränderter Form weiterhin Chancen. "Ich glaube nicht, dass es irgendwelche anderen gibt, mit denen zusammen EMI Geschäfte machen kann", sagte ein Manager eines Fonds, der über zwei Prozent am britschen Musikkonzern hält. Bertelsmann etwa würde die gleichen wettbewerbsrechtlichen Probleme bekommen. Er würde weiter eine Fsuion unterstützen, selbst wenn EMI sich dabei von seiner Plattenfirma Virgin Records und sich Warner von seinen Chappell-Music-Geschäften trennen müsste. Ein Medienanalyst für einen weiteren EMI-Aktionär sagte, Internet-Unternehmen wie Yahoo könnten Interesse haben. Es gebe aber nicht viele im Musikgeschäft, die mit EMI etwas anfangen könnten.

Nach Bekanntgabe des Fusionsverzichts fiel der Kurs der EMI-Aktie an einer freundlichen Londoner Börse um 5,8 % auf 528 Pence. Time Warner legten an der Wall Street in den ersten Handelsstunden um fünf Prozent auf 90,54 $ zu.

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