Gesprochene Literatur gewinnt an Popularität
Reform des Urheberrechts belastet Hörbuch-Markt

Hörbücher erobern den deutschen Markt. Damit folgen sie einem Trend aus den USA. Dort setzen Audio Books bereits fast 4,5 Mrd. DM jährlich um. In Deutschland hat die gesprochene Literatur lange ein Schattendasein geführt. Erst seit knapp sieben Jahren vermarkten Hörbuchverlage verstärkt Lesungen und Hörspiele um Harry Potter oder der Krimis von Henry Mankell.

HB BERLIN. Der Marktführer, die Münchener Der Hörverlag GmbH, geht von rasantem Wachstum aus. "Bislang ist das Medium erst fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung bekannt", sagt Geschäftsführerin Claudia Baumhöver. "Wenn Hörbücher in Deutschland erst so vertraut sind wie in den USA, gehen wir von einem proportional ebenso starken Marktvolumen aus."

Problematisch sind jedoch die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Herstellung und Vermarktung von Audio Books hierzulande. Hörbücher unterliegen als Tonträger keinem reduzierten Umsatzsteuersatz wie Bücher. Auch eine Preisbindung existiert nicht. An der Produktion eines Hörbuchs sind viele Kreative beteiligt: In der Regel bereiten Drehbuchautoren die literarische Vorlage des Schriftstellers auf. Bei ausländischen Werken sind Übersetzungen anzufertigen. Bei schon übersetzten Werken sind Genehmigungen der Übersetzer gegen Honorar einzuholen. Komponisten schaffen Musik. An der Produktion selbst wirken Regisseur, Sprecher, Musiker, Tonmeister und Cutter mit. Graphiker und Texter entwerfen den Umschlag und das Booklet des Audio Books.

Bei einem Werk wie der Vertonung von Tolkiens "Herr der Ringe" summieren sich so die beteiligten Urheber und Künstler auf mehr als 80 Menschen. Mit ihnen muss der Hörbuchverlag Absprachen über die Einräumung von Rechten und die Vergütung treffen, um ihre Beiträge zu dem Endprodukt Hörbuch zusammenzuführen und dieses den Verbrauchern auf möglichst vielfältige Weise anzubieten. Das erfordert einen erheblichen Verwaltungsaufwand. "Schon gegenwärtig beschäftigen wir in unserer Lizenzabteilung mehr Mitarbeiter als im Lektorat", berichtet Frau Baumhöver.

Diese komplexe Tätigkeit des Zusammenführens einer Vielzahl kreativer Beiträge zu einem Hörbuch dürfte künftig mit noch mehr rechtlichen Problemen verbunden sein. Denn die Bundesregierung hat am 30. Mai 2001 eine Reform des deutschen Urheberrechtsgesetz beschlossen, die der Stärkung der vertraglichen Stellung von Urhebern und ausübenden Künstlern dienen soll. Urheber sind die schöpferisch tätigen Kreativen wie Schriftsteller, Komponisten und Regisseure. Ausübende Künstler sind als Interpreten urheberrechtlich geschützter Werke tätige Personen wie Schauspieler und Musiker. Kernstück des Regierungsentwurfs sind ein gesetzlicher Anspruch auf angemessene Vergütung für jede Nutzung des Werkes (§ 32 des Reformentwurfs) und die durch Urheberverbände erzwingbaren gemeinsamen Vergütungsregeln mit Werknutzern (§ 36 des Reformentwurfs), mit der für alle Bereiche kreativen Schaffens tarifvertragsähnliche Vergütungssysteme durchgesetzt werden sollen. Beide Vorschriften sollen auch für ausübende Künstler gelten.

Der gesetzliche Vergütungsanspruch tritt neben das vertraglich vereinbarte Honorar. Damit würde jede von den Hörbuchverlagen abgeschlossene Honorarvereinbarung mit einem Autor, Regisseur oder Sprecher künftig auf ihre Angemessenheit hin im nachhinein nachprüfbar. Diese Rechtsunsicherheit wird dadurch verschärft, dass der Vergütungsanspruch rückwirkend für in den letzten zwanzig Jahren geschlossene Verträge Anwendung finden soll. "Wird der Regierungsentwurf Gesetz, haben wir am Tag des Inkrafttretens über 3000 offene Vertragsverhältnisse", klagt Frau Baumhöver.

Der gesetzliche Vergütungsanspruch dürfte sich sogar gegen die Kreativen selbst richten. Hörbuch- wie Buchverlage betreiben nämlich eine Quersubventionierung: Wenige erfolgreiche Titel finanzieren das Gros weniger gut verkäuflicher Werke. So tragen beim Hörverlag 11 % der Titel zu mehr als 80 % des Jahresumsatzes bei. Derlei wäre nicht mehr möglich, wenn die an Bestsellern beteiligten Kreativen eine höhere Vergütung nachträglich verlangen könnten. Dann verblieben dem Hersteller des Hörbuchs weniger Einnahmen, die er für wirtschaftlich riskantere Projekte wie zum Beispiel eine Poesie-Reihe einsetzen könnte. Der Verlag wäre gezwungen, auf diese Titel zu verzichten. Kreativen Newcomern würden Veröffentlichungs- und Verdienstmöglichkeiten genommen.

Daneben enthält der Regierungsentwurf weitere Bestimmungen, die in der Praxis zu Schwierigkeiten führen: Nach § 39 Regierungsentwurf müssen alle Änderungen eines Werkes im vornherein mit den beteiligten Urhebern und ausübenden Künstlern vereinbart werden. Damit wäre die Endfassung eines Audio Books mit jedem kreativ Beteiligten abzustimmen. Im Extremfall könnte der Sprecher nur eines Satzes die Veröffentlichung und Vermarktung verhindern.

Zwischenzeitlich haben Bundesregierung und die Regierungsfraktionen angekündigt, den Entwurf nochmals zu überprüfen. Dabei will man der besonderen Situation der Hörverlage und ihrer kulturellen Leistungen Rechnung tragen. Es wäre in der Tat bedauerlich, wenn die neuen, durch diesen aufstrebenden Zweig der Kulturwirtschaft erschlossenen Einnahmequellen für Urheber und ausübende Künstler ausgerechnet durch ein Gesetz zum Schutz der Kreativen versiegen würde.

Dr. Christian Pleister ist auf Urheber- und Verlagsrecht spezialisierter Rechtsanwalt im Berliner Büro der Kanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz.

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