Gestaltungsräume der Bilanzmacher wachsen
Bilanzierung nach US-GAAP eröffnet ungeahnte Möglichkeiten

Unternehmen, die nach US-Recht bilanzieren, haben in Zukunft mehr Chancen, Bilanzpolitik zu betreiben.

Es muss schon einiges passieren, bis in der feinen, zurückhaltenden Welt der Wirtschaftsprüfer die Fetzen fliegen. Vor einer Woche gerieten die Prüfgesellschaften KPMG und Price Waterhouse Coopers (PwC) aneinander: PwC hatte in einer gutachterlichen Stellungnahme die Qualität einer Abschlussprüfung in Zweifel gezogen, die KPMG für die Frankfurter MG Technologies erstellt hatte. Statt eines von MG ausgewiesenen Überschusses von 192 Mill Euro, so das Gutachten, hätte ein Jahresfehlbetrag von 142 Mill Euro in den Büchern stehen müssen.

KPMG ließ die Vorwürfe nicht auf sich sitzen und schrieb dem Wettbewerber ins Stammbuch, mit seinen Kenntnissen über die US-Bilanzrichtlinien (General Accepted Accounting Principles, US- GAAP) nicht ganz auf dem Stand der Klasse zu sein. Was nicht der Pikanterie entbehrt, denn PwC ist genau wie KPMG ein weltweit prüfendes Unternehmen mit einem starken Bein in den USA, der Heimat des US-GAAP.

Kontinuierliche Abschreibung von Goodwill soll entfallen

Der Zwist könnte einen Schatten auf das Image der US-Bilanzrichtlinie werfen, zeigt sich doch, dass auch der US-Ansatz größere Interpretationsspielräume lässt, wenn es darum geht, den wahren Wert eines Unternehmens zu ermitteln. Bislang war von GAAP-Anhängern - besonders im Vergleich mit den Bilanzierungsvorschriften des deutschen Handelsgesetzbuchs (HGB) - das geringe Maß an Bewertungsspielräumen des US-Ansatzes lobend hervorgehoben worden.

Doch es zeichnet sich ab, dass die GAAP "weicher" werden und der geschmähten "Bilanzpolitik" Raum geben könnten: Das amerikanische Financial Accounting Standards Board (FASB), zuständig für die Entwicklung und Überwachung der GAAP-Vorschriften, hat massiv in die Abschreibungsregelungen für zugekaufte Firmen eingegriffen.

Konkret geht es um den sogenannten Goodwill. Das ist der Wert, den ein Käufer über den reinen Substanzwert des Kaufobjektes hinaus auf den Tisch zu legen bereit ist. Bei der hektischen Akquise von Internetbuden etwa, im vergangenen Jahr gang und gäbe, wurden Millionenbeträge gezahlt, um eine Unternehmensidee und das Wissen der Belegschaft aufzukaufen. Der Substanzwert dieser Firmen bestand dagegen häufig nur aus einer Reihe von Computern.

Nach dem deutschen HGB, dem internationalen IAS und den bisherigen Regeln der US-GAAP muss der Käufer den Goodwill in seiner Bilanz jährlich um einen bestimmten Prozentsatz abschreiben - bei High-Tech-Unternehmen sind es beispielsweise 20 Prozent jährlich nach GAAP. Nach der Neuregelung, obligatorisch für die Geschäftsjahre, die nach dem 15. Dezember 2001 beginnen, ist eine solche kontinuierliche Abschreibung nicht mehr vorgesehen. Vielmehr sind Firmen gehalten, den Goodwill ihrer Neuerwerbung jedes Jahr aufs Neue zu prüfen. Stellt ein Unternehmen fest, dass sich der Goodwill nicht verändert hat, muss auch keine Abschreibung erfolgen. Dies kann über Jahre so gehen - ein scharfer Bruch mit dem traditionellen Bilanzverständnis.

Die Gestaltungsspielräume der Bilanzmacher wachsen

Die Konsequenzen hieraus werden in Fachkreisen heftig diskutiert. Als sicher gilt aber, dass die Gestaltungsspielräume der Bilanzmacher wachsen, denn bei jeder Wertermittlung eines Unternehmens müssen Annahmen getroffen werden, auf deren Basis dann weitergearbeitet wird. "In die Bewertung fließt beispielsweise ein, wie die Zukunftserwartungen sind", erläutert etwa der Praktiker Klaus Ridder, Vorstandsmitglied der Stinnes AG. Idealerweise mache das Unternehmen seine Annahmen transparent und damit nachprüfbar. "Wenn aber ein Unternehmen ein bestimtes Ergebnis ausweisen will, wird es versuchen, die Spielregeln so zu nutzen, dass das gewünschte Ergebnis auch gezeigt wird."

Karlheinz Küting, Direktor des Instituts für Wirtschaftsprüfung an der Universität Saarbrücken, nimmt an, dass viele Unternehmen so die Chance nutzen werden, "Abschreibungen in die Zukunft zu verlagern". Die Folge: Wer jetzt nicht abschreiben muss, kann möglicherweise einen deutlich höheren Unternehmenswert ausweisen als der Konkurrent, der seine Akquisitionen nach HGB oder IAS stur abschreiben muss.

"Ein sehr großer Teil des Kaufpreises für Unternehmen der Informationsund Telekommunikationstechnik oder der Biotechnologie bestand im vergangenen Jahr aus Goodwill", stellt Guido Fladt fest, Partner und Leiter der Fachabteilung Internationale Rechnungslegung von PwC in Frankfurt. Für manchen Erwerber bestehe in den nächsten Jahren kaum die Möglichkeit, Gewinne auszuweisen, wenn er den Goodwill wie gehabt abschreiben muss. Die hier und da vorhandene Möglichkeit plausibel zu machen, der Goodwill habe nicht an Wert verloren, sei somit nicht abzuschreiben und ermögliche deshalb die Ausweisung von Gewinnen, dürfte da verlockend sein.

Alles eine Argumentationsfrage

Geht es aber einer Branche und dem Unternehmen, das dazugekauft hat, schlecht, so Fladt, könne der Zug auch in die andere Richtung fahren: "Wenn sich nach der Bewertung eine hohe Abschreibung nicht vermeiden lässt, weil das zugekaufte Unternehmen deutlich an Wert verloren hat, käme das noch oben drauf." Die Fahrt nach unten könne so beschleunigt werden.

Christian Dyckerhoff, Vorstandssprecher der Prüfgesellschaft BDO Deutsche Warentreuhand, plagen noch ganz andere Befürchtungen: "Bei Abschreibungen ist es häufig eine Frage der Geschicklichkeit, mit der man argumentiert." Für ihn ist es vorstellbar, dass nach dem Ende der fixen Abschreibungssätze in der einen oder anderen Firma insgeheim ein langjähriger Abschreibungsplan aufgestellt wird. Danach würde der Wertverlust des Goodwill je nach Bedarf hoch oder niedrig angesetzt - die entsprechende Argumentation lasse sich schon finden. "Das ist dann für Außenstehende wie zum Beispiel die Wirtschaftsprüfer kaum aufzudecken, höchstens in groben Fällen", befürchtet

Auch Karlheinz Küting meint, dass in Deutschland eine brisante Lage entstehen könne: Der Gesetzgeber hat allen Aktiengesellschaften freigestellt, ihren Konzernabschluss nach GAAP vorzulegen. Während aber in den USA die effiziente Börsenaufsicht SEC zusammen mit scharfen Haftungsregeln für Bilanzierer und Prüfer einem Mißbrauch der neuen Gestaltungsspielräume entgegenwirkt, fehlten hierzulande gleichgewichtige Kontrollen und Sanktionen.

Aufwand und damit auch die Kosten vervielfältigen sich

Größere Spielräume bedeuten aber auch mehr Aufwand, selbst wenn man nüchtern und nicht phantasievoll an diese Aufgabe herangeht: Für die Unternehmen, die ihre Erwerbungen jedes Jahr bewerten müssen - und zwar gesondert für jeweils zu definierende Teileinheiten, sogenannten reporting units - sowie für die Wirtschaftsprüfer, die all dies nachvollziehen müssen. "Es gibt keine genaue Vorschrift, wie hier der Fair Value zu bestimmen ist", stellt Guido Fladt von PwC etwas resigniert fest. Die Prüfer könnten bei den Bewertungen höchstens auf die Plausibilität der Annahmen achten und die Stetigkeit ihrer Anwendung: "Der Aufwand vervielfacht sich." Und damit auch die Kosten für das geprüfte Unternehmen.

Ob sich die neue Regelung des GAAP international durchsetzen wird, ist für Karlheinz Küting noch nicht abzusehen, "obwohl dafür zahlreiche Gründe sprechen, nicht zuletzt die Kraft der Kapitalmärke", sprich: der großen US-Fonds, die im Ausland gerne die gleichen Bedingungen vorfinden wie im Inland.

Kommt der neue Standard aber flächendeckend zum Zuge, finden die Prüfgesellschaften in Zukunft sicher noch oft Gelegenheit, aufeinander einzuschlagen.

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