Gestiegenes Interesse
Börsenboom und Internet zwingen Wirtschaftsmedien zu mehr Qualität

Der Börsenboom und die Internet-Revolution haben dem Wirtschaftsjournalismus einen rasanten Aufschwung beschert. Das gestiegene Interesse am Wirtschaftsgeschehen ist nach Einschätzung des sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf Folge des wachsenden Wohlstandes sowie der Notwendigkeit, künftig verstärkt privat für das Alter vorzusorgen.

dpa FRANKFURT/MAIN. Diese "Demokratisierung der Vermögensbildung" stelle die Wirtschaftsmedien vor völlig neue Aufgaben. Mehr denn je seien Qualität und Sorgfalt bei der Verbreitung und Analyse von Nachrichten gefragt, sagte der CDU-Politiker auf einer Tagung des Hessischen Rundfunks (hr) und der Deutschen Presse-Agentur (dpa) am Montagabend in Frankfurt unter dem Titel "Unabhängigkeit und Arbeitsethos der Wirtschaftsjournalisten in Deutschland".

Bei der privaten Altersvorsorge werde auch in Deutschland - wie bereits seit Jahren in den USA - den Finanzmärkten eine entscheidende Bedeutung zukommen. Immer mehr Menschen investierten für ihre Zukunft an der Börse. Deshalb dürfe es an den Märkten nicht zu größeren Verwerfungen kommen. Schließlich hänge die Altersvorsorge bald zu einem Großteil an den Aktienkursen, betonte Biedenkopf. Die Medien seien daher schon heute besonders in der Pflicht, durch Sorgfalt sowie eine faire und objektive Berichterstattung zur Stabilität des Systems beizutragen.

Marktschreierische und sensationslüsterne Schlagzeilen wirkten allerdings kontraproduktiv. "Wie brauchen mehr Kontinuität", so der CDU-Politiker. Besorgt zeigte sich Biedenkopf in diesem Zusammenhang vor allem über die stark zunehmende Präsenz von Börsenanalysten in den Medien. Journalisten sollten stets im Hinterkopf behalten, dass diese Experten in der Regel für institutionelle Investoren arbeiten und damit auch eigene Interessen verfolgten. Erschwert werde die journalistische Arbeit zudem durch die Informationsflut via Internet.

Umso mehr komme es darauf an, die "Informationsgesellschaft in eine Wissensgesellschaft" zu überführen. Komplexe Zusammenhänge dürften nicht nur einfach wiedergegeben werden. Wichtiger seien deshalb Analysen und Hintergründe.

Abnehmende Akzeptanz befürchtet



Professor Siegfried Quandt von der Universität Gießen befürchtet gar eine abnehmende Akzeptanz des kapitalistischen Wirtschaftssystems in der Bevölkerung, wenn das Börsengeschehen nur noch als Spiel oder gar als "absurd" wahrgenommen werde. Er mahnt eine dringende Qualitätsverbesserung in den Medien an. Das journalistische Handwerkszeug dürfe sich nicht im "bloßen Zusammenschreiben, was andere gesagt haben" erschöpfen.

Seine Prognose über die Entwicklung der Branche ist allerdings eher ernüchternd: Die Wirtschaftsberichterstattung werde weiter stark zunehmen und im Zuge des beinharten Konkurrenzkampfes der Medien um spektakuläre Überschriften und Zeitvorsprünge bei der Verbreitung von Nachrichten noch "theatralischer". Dem Wirtschaftsjournalismus drohe damit sogar eine "Entautorisierung" - zum Verdruss des oftmals ohne verständliche Orientierung alleingelassenen Lesers oder Zuhörers.

Die in der Zunft aufkommende Diskussion über Auswüchse unsachlicher, oberflächlicher oder auch falscher Berichterstattung mit der Suche nach "ethischen" Lösungen ist nach Ansicht von Professor Josef Wieland von der Fachhochschule Konstanz bereits ein "Krisenphänomen". Journalisten dürften allerdings auch nicht "moralisch" überfordert werden, betonte er. Es sei Aufgabe der Medienunternehmen, hohe Standards zu formulieren und deren Einhaltung zu belohnen. Wieland ist ohnehin fest überzeugt, dass dauerhaft nur die Medien beim Publikum akzeptiert werden und damit am Markt überleben, deren Integrität öffentlich nicht in Frage gestellt wird.

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