Gesundes Gewebe wird besser geschützt
Behandlung von Prostatakrebs optimiert

Neue Hoffnung für Patienten mit Prostatakrebs: Eine Reihe von innovativen Verfahren könnte jetzt die Behandlung der häufigsten Krebsart bei Männern deutlich verbessern. Die Medizin setzt dabei besonders auf Verfeinerungen der Strahlentherapie, mit der gesundes Gewebe geschützt werden kann.

DÜSSELDORF. In Tübingen, Berlin und Heidelberg wird seit kurzem eine neue Methode eingesetzt, mit der die Strahlung bei der Bekämpfung von Karzinomen besonders effektiv und schonend dosiert werden kann. Ziel jeder Strahlentherapie ist, eine möglichst hohe Strahlendosis im Tumor zu deponieren. Der Tumor soll so abgetötet werden, das benachbarte gesunde Gewebe aber möglichst unbehelligt bleiben. Doch die aggressiven Röntgenstrahlen sind nicht nur sehr wirksam gegen Krebszellen. Auch anderes Gewebe, das der Photonenstrahl auf seinem Weg durch den Körper durchdringt, wird belastet. Bei der Bestrahlung der Prostata ist hier besonders der Enddarm gefährdet. Entzündungen und vermehrter Stuhldrang sind häufige Nebenwirkungen der Behandlung.

Die neue "Intensitätsmodulierte Strahlentherapie" kann diese Nebenwirkungen jetzt deutlich verringern. "Wir erreichen das mit einer sehr engen Zusammenarbeit von Strahlentherapeuten und Spezialisten der Medizinischen Physik", sagt Wilfried Budach, Professor an der Universitätsklinik Tübingen. Die Medizin-Physiker passen dabei das Bestrahlungsfeld anhand von Daten aus dem Computertomographen genau dem Umriss des Tumors an und variieren außerdem parallel dazu die Strahlungsintensität innerhalb des bestrahlten Feldes. Ein flexibler Strahlkopf - ein so genannter "Multileaf Collimator" - kann dann den Tumor aus verschiedenen Richtungen mit unterschiedlicher Dosisverteilung bestrahlen. So können gesunde Bereiche besser als bisher ausgeblendet werden. Der Kopf des Collimators besteht aus rund 80 schmalen Lamellen, jede ist mit einem eigenen Motor ausgestattet. Elektronisch gesteuert kann jede Lamelle passgenau in das Bestrahlungsfeld eingefahren werden.

"Außerdem versuchen wir, die Strahlentherapie noch auf anderen Ebenen zu verfeinern", sagt Wilfried Budach. So beziehe die Tübinger Klinik als erste in Deutschland die individuelle Bewegung der Prostata mit in die Bestrahlungsplanung ein. Denn die Prostata könne sich durch ihre Lage zwischen Dickdarm und Blase je nach Füllmenge bis zu einem Zentimeter verschieben, so Budach. Mit mehreren Computertomographien und speziellen Berechnungsprogrammen würden diese Abweichungen jetzt genau einkalkuliert.

Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 40 000 Männer an Prostatakrebs; und rund 10 000 Todesfälle werden jährlich gezählt. Zunehmend sind dabei auch Männer unter 60 Jahren betroffen. Neben der Bestrahlung gehören die Operation und die Chemotherapie zu den gängigen Therapieformen.

Vor allem für jüngere Patienten propagiert der Heidelberger Urologe Joachim Deuster seit Anfang des Jahres eine alternative Behandlungsmethode, die wesentlich schonender sei und den Patienten ihre sexuelle Potenz erhalte. Außerdem werde bei diesem Verfahren der Schließmuskel so gut geschützt, dass die Patienten in der Regel keine Inkontinenz befürchten müssten, sagt der Heidelberger Arzt.

Die Zerstörung der Krebszellen erfolgt durch eine punktuelle Erhitzung des kranken Gewebes - der so genannten Hyperthermie. Das Krebsgewebe in der Prostata wird dabei mit gebündeltem Ultraschall auf über 90 Grad erhitzt. Millimeter für Millimeter werde der Ultraschallbrennpunkt durch das kranke Gewebe geführt, während der Arzt den Vorgang am Monitor kontrolliere, erläutert Deuster das Vorgehen.

Die Heidelberger Tagesklinik ist die einzige in Deutschland, die Prostatakrebs mit dieser Technik behandelt. Das Behandlungsgerät wurde von der amerikanischen Firma Focus Surgery entwickelt. Erfahrungen mit dem Verfahren gibt es nur noch in den USA und Japan. In Amerika sei gerade eine Studie für die Gesundheitsbehörde FDA erstellt worden. Mit einer Zulassung der Technik für den amerikanischen Markt rechnet Deuster bereits im nächsten Jahr.

Deutsche Krebsforscher sind bei der Beurteilung der Wärmetherapie jedoch skeptisch: "Die Hyperthermie wird zwar bereits bei der Behandlung von Brustkrebs erfolgreich angewandt, ob die Methode auch für die Bekämpfung von Prostatakrebs taugt, ist zweifelhaft", sagt Gerhard van Knaick, Professor am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Das größte Problem sei, sicherzustellen, dass auch wirklich jede Krebszelle erwischt werde und der Tumor vollständig zerstört werde, erläutert der Krebsforscher. "Ansonsten wächst das krankhafte Gewebe weiter und bildet unter Umständen Metastasen", warnt van Knaick.

Die Heidelberger Klinik behandelt mit der gleichen Methode bereits seit 1994 gutartige Vergrößerungen der Prostata, die so genannte Hyperplasie. "Mit dem neuen Gerät, das nun zwei Schallköpfe besitzt und mit einer Frequenz zwischen 3 und 4 Megahertz arbeitet, wurde nun auch die Zerstörung von Krebsgewebe möglich", sagt Deuster. Der Urologe beschränkt sich jedoch auf die Behandlung von Tumoren im frühen Stadium. Auch für Patienten mit einer Verkalkung an den Organwänden oder einer zu großen Prostata sei die Methode nicht geeignet, so dass "wir nach der Voruntersuchung viele Interessenten wieder wegschicken müssen", räumt der Arzt ein.

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