Gesundheitsreform verunsichert deutsche Pharmaforschung
Höhere Zwangsrabatte belasten Arzneimittelhersteller

Wegen der von der Bundesregierung vorangetriebenen Reform zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen überdenken immer mehr Pharmakonzerne ihr Engagement in Deutschland.

FRANKFURT/M. Arzneimittelherstellern wie Schering, Boehringer Ingelheim, Merck, Bayer und Altana droht mit der geplanten Erhöhung der Zwangsrabatte auf Medikamente und der Einführung von Festpreisen für patentgeschützte Präparate eine Ergebnisbelastung in zweistelliger Millionenhöhe. Das erschwert die Refinanzierung der durchschnittlich 750 Mill. Euro, die die Entwicklung eines innovativen Medikamentes im Schnitt kostet.

Scherings Ankündigung, in diesem Jahr 300 Stellen in Deutschland zu streichen, um die Kosten der Gesundheitsreform aufzufangen, dürfte nur der Anfang sein. Auch die internationalen Konzerne reagieren verschreckt auf die geplanten Eingriffe der Politik. In der Deutschland-Niederlassung des Aventis-Konzerns sieht man künftige Investitionen und damit die Schaffung neuer Arbeitsplätze in Gefahr. Das deutsch-französische Unternehmen forscht in Deutschland, Frankreich und in den USA. Von den rund 3 Mrd. Euro, die es im vergangenen Jahr in Forschung und Entwicklung (F+E) investierte, flossen rund 700 Mill. Euro in die deutschen Standorte. Da die geplanten Einschnitte vor allem innovative Medikamente betreffen, verliere der Forschungsstandort Deutschland an Attraktivität, hieß es bei Aventis Deutschland.

Weltmarktführer Pfizer sieht das ähnlich. "Wenn es um Standortentscheidungen für Investitionen geht, haben wir innerhalb des Konzerns derzeit keinen guten Stand", sagt Walter Köbele, Vorstandschef von Pfizer Deutschland. Er beklagt die fehlende Verlässlichkeit des Standortes. Aus dem selben Grund überdenkt Eli Lilly derzeit den geplanten Ausbau des Forschungsstandort Hamburg, der 150 Mitarbeiter beschäftigt. Alle Konzerne betonen jedoch, dass Entscheidungen für oder gegen einen Forschungsstandort nicht über Nacht fallen.

Entgegen der Kritik vieler Sozialverbände kommt die Pharmaindustrie in der parteiübergreifend ausgehandelten Konsenslösung keineswegs ungeschoren davon. Das Bundesgesundheitsministerium geht davon aus, dass die Pharmabranche die gesetzlichen Kassen 2004 um 1 Mrd. Euro entlastet. Die Marktforschungsgesellschaft IMS Health kommt unter dem Strich sogar auf 1,5 Mrd. Euro. Hauptkostenfaktor ist die angekündigte Anhebung des Rabatts für rezeptpflichtige Arzneimittel von derzeit 6 % auf 16 %. Eine zusätzliche Belastung ist die geplante Herausnahme rezeptfreier Medikamente aus dem Leistungskatalog der Kassen. In den ersten fünf Monaten 2003 belasteten Zwangsrabatte die Branche bereits mit 245 Mill. Euro.

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA) sieht angesichts des aus seiner Sicht bislang massivsten Eingriffs der Gesundheitspolitik die Pharmaforschung in Deutschland in Gefahr. Allein durch die geplanten Festpreise für patentgeschützte Medikamente seien rund 10 000 Arbeitsplätze gefährdet, die seit 1996 entstanden sind, als die Festbetragsregelung um eine Patentschutzklausel ergänzt wurde.

Seit Jahren investieren heimische Firmen wie Boehringer Ingelheim oder Altana verstärkt im Ausland. Das zunehmend als innovationsfeindlich wahrgenommene politische Klima in Deutschland dürfte diese Tendenz noch verstärken. Für die Verlagerung der Forschungsaktivitäten sprechen aber auch andere Aspekte. So ist der US-Pharmamarkt mit einer Wachstumsrate von 11 % deutlich dynamischer als der deutsche, der es 2003 nur auf ein Plus von 7 % brachte.

Auch das Netzwerk von Spitzenwissenschaftlern, etwa im Bereich der humangenetischen Forschung, lockt viele Unternehmen in die USA. So eröffnete Altana etwa vor einigen Wochen ein neues Forschungszentrum in Boston. Deutschland sei zwar weiterhin der Hauptstandort für die Pharmaaktivitäten. Die politischen Signale ermutigten jedoch nicht gerade zu verstärkten Inlandsinvestitionen, heißt es in Bad Homburg.

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