Getötet, versteckt oder geflüchtet: Mit Saddam sind auch Gefolgsleute verschwunden

Getötet, versteckt oder geflüchtet
Mit Saddam sind auch Gefolgsleute verschwunden

Kein Wächter steht mehr vor einem Botschaftsgebäude, kein Blockwart oder Parteifunktionär lässt sich mehr blicken, kein Geheimdienstmann kontrolliert mehr die ausländischen Journalisten in Bagdad. Nicht nur Präsident Saddam Hussein und alle engen Mitarbeiter sind verschwunden, sondern auch zehntausende Vertreter des irakischen Überwachungsstaats sind seit Mittwoch plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.

HB/dpa KAIRO. Niemand weiß, ob Saddam Hussein von seinen eigenen Leuten getötet wurde, in einem Tunnel in Bagdad steckt oder in den Nordirak geflüchtet ist. Doch abgesehen vom Schicksal des 65-jährigen Machthabers drängt sich die Frage auf, wie angesichts der von den Amerikanern weitgehend zerstörten Kommunikationsstrukturen trotzdem fast alle Ministerialbeamten, Soldaten und Kämpfer wissen konnten, dass sie am Mittwoch besser das Weite suchen oder zu Hause die Parteiabzeichen verbrennen sollten.

"Jeder, der irgendwie zum System gehörte, wusste schon Tage vorher, was passieren würde", meint ein irakischer Beamter, der am Vortag den Untergang des Regimes innerhalb von zwei Tagen vorausgesagt hatte. "Das war ein Plan: Die Führung versteckt sich entweder auf dem Land oder bei engen Vertrauten und die kleinen Fische warten einfach in ihren Häusern ab", glaubt er. Auch die Menschen in Saddam Husseins Geburtsort Tikrit, die wichtige Positionen in Spezialeinheiten und im politischen System bekleidet hatten, sollen sich nach seiner Einschätzung schon vor Kriegsbeginn entschieden haben, nicht zu kämpfen.

Die Art und Weise wie die amerikanischen Soldaten den Großteil von Bagdad unter ihre Kontrolle gebracht haben, hat auch bei vielen arabischen Beobachtern außerhalb des Irak den Verdacht geweckt, die Entscheidung, die Hauptstadt aufzugeben, sei schon vor längerer Zeit gefallen. "Der Widerstand in Städten wie Nasirija und Kerbela hat die Eroberung Bagdads nur verzögert", meint der irakische Ex- Geheimdienstchef Wafik Samarrai. Er meint, der Widerstand in Bagdad sei ohnehin nur symbolisch gewesen, die militärische Strategie Saddams ein völliger Fehlschlag.

Andere glauben dagegen an ein Geheimabkommen zwischen Amerikanern und Angehörigen der militärischen Führung des Irak. Die arabische Zeitung "Al-Hayat" berichtet in ihrer Ausgabe vom Donnerstag unter Berufung auf diplomatische Quellen, Washington habe sich möglicherweise mit den sunnitischen Generälen geeinigt, um eine große Konfrontation in Bagdad, Tikrit und anderen Städten mit vorwiegend sunnitischer Bevölkerung zu vermeiden. Dadurch wollten die Amerikaner ein Gegengewicht zur Dominanz der schiitischen Bevölkerungsmehrheit schaffen. Der libanesische Parlamentssprecher Nabih Berri glaubt, dass die russische Regierung, die historische Beziehungen zum Regime in Bagdad unterhielt, bei einer solchen Vereinbarung die Rolle der Geburtshelferin gespielt hat, und dass der "Deal" beim jüngsten Besuch der Nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice in Moskau besiegelt wurde.

"Wo war die Führung plötzlich, wo waren die Fedajjin Saddam?", fragt der ägyptische Militärexperte Mohammed Ali Bilal im arabischen Fernsehsender El Dschasira. Er glaubt ebenfalls an eine geheime Vereinbarung. Der vom gleichen Sender befragte ehemalige ägyptische Generalstabschef Saadeddin Schasli, schließt das aus. Er hält einen Verrat durch die Offiziere für wahrscheinlicher.

Voller Verbitterung baut sich am Donnerstag der irakische Politologe Mohammed el Scheichli vor der Kamera eines El-Dschasira- Reporters in Bagdad auf. "Wie wollten es (den Sturz des Regimes) selbst vollbringen", sagt er mit erstickter Stimme. "Wir wollen die Amerikaner nicht, die unser Land besetzen und Plünderungen zulassen". Es sei kein Zufall, dass die US-Soldaten am Mittwoch von allen Regierungsgebäuden nur das Öl-Ministerium geschützt hätten.

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