Getrübte Freude
WM der Nachrücker

Teamchef Rudi Völler hat viele Sorgen im Gepäck, wenn er am Mittwoch mit der Nationalelf nach Japan aufbricht. Daran ändert auch der 6:2-Erfolg über Österreich nichts.

Um 13.40 Uhr beginnt am Mittwoch das von immer größeren Ungewissheiten belastete Unternehmen Fußball-WM. Dann startet Lufthansa-Flug LH 640, der die deutsche Nationalelf von Frankfurt nach Japan bringen soll. DFB-Teamchef Rudi Völler nimmt dabei einen Berg von Sorgen mit in den Fernen Osten. Das 6:2 (3:1) am Pfingstsamstag gegen Österreich in Leverkusen festigte zwar das angeschlagene Selbstvertrauen des nach der Vereinssaison ermüdeten Personals, aber im Bereich Medizin, Gesundheit und Fitness gab es bei dem Freundschaftsspiel einen weiteren schweren Nackenschlag: Sebastian Deisler verletzte sich schwer am vorgeschädigten Knie und fällt als WM-Hoffungsträger für Deutschland aus.

Völler, der schon die Absagen von Mehmet Scholl, Jens Nowotny und Christian Wörns verkraften musste, zeigte tapfer Haltung. Er mache sich vor allem Sorge um Deislers Karriere und Gesundheit, sagte der 42-Jährige: "Es geht weniger um die WM." Trotz des zweiten Kantersiegs nach dem 7:0 gegen Kuwait, mit dem sich die Nationalmannschaft für das 0:1 in Wales rehabilitierte, sah der Teamchef aber überhaupt nicht glücklich aus. Ihm war schnell klar, dass Deisler als Führungsfigur in seinem fragilen Ensemble nicht mehr in Frage kam. Zwar sei im Knie nichts gerissen, erklärten Ärzte und Physiotherapeuten, doch die Kniescheibe im rechten, schon viermal operierten Gelenk ist nach dem missglückten Zweikampf mit dem Österreicher Rolf Landerl wieder instabil.

Schock für Deisler

Deisler stürzte diese Diagnose in eine Depression. Das Berliner Umfeld des Spielers - einschließlich des bisherigen Hertha-Trainers Falko Götz - sprach plötzlich die psychologischen Probleme, die Deisler sehr zu schaffen machen, offen an. Und Völler berichtete, wie kompliziert es war, dem gebürtigen Badener, der unter starkem Druck stand, Zuversicht zu vermitteln. "Als er zu uns kam, war er geknickt und zweifelte, ob er es schafft. Dann ging es jeden Tag besser und er sagte, es geht mir super. Deswegen ist jetzt der Schock so groß", berichtete Völler, der sich gleich die Telefonnummer des ersten "Nachrückers" Lars Ricken bereitlegte.

Am Donnerstag in Südjapan wird der Teamchef mit seinen Assistenten die längere Checkliste der Unzulänglichkeiten und das überschaubare Register der Positivpunkte überprüfen. Nicht ein einziges Mal konnte er seine Idealformation für das erste WM-Spiel gegen Saudi-Arabien in Sapporo (1. Juni) erproben. Die fünf Leverkusener und auch der Berliner Marko Rehmer saßen gegen Österreich in Trainingsanzügen auf der Tribüne und waren guter Laune - wie Michael Ballack, der seine Lebensgefährtin Simone knutschte. Der anstehende Trainingsprozess verlangt viel Fingerspitzengefühl, da einige Akteure noch Konditionsarbeit leisten müssen, andere indes mehr Regeneration benötigen. Und viel taktischer Feinschliff ist noch zu leisten. "Bisher hatten wir Probleme, weil wir so viel experimentiert haben. Das wird sich ändern", sagte Michael Skibbe.

Völler mit Offensive zufrieden

Immerhin machten der Völler-Assistent und sein Chef im Spiel gegen Österreich Fortschritte gegenüber der Blamage in Cardiff vier Tage zuvor aus. "Mit der Offensive war ich sehr zufrieden", kommentierte Völler den Vorwärtsdrang seiner Elf, den der Lauterer Miroslav Klose mit drei Toren (15./29./53.) und der Bremer Marco Bode (36./70.) mit zwei Treffern vollendet hatten. Das sechste Tor erzielte die Junioren-Aushilfe Daniel Bierofka (83.), der nicht mit zur WM fährt. Austria-Trainer Hans Krankl hob die Stärke der Deutschen im Kopfballspiel hervor. Dieser Trumpf soll gegen Saudi-Arabien gezogen werden.

"Es gibt aber Dinge, die noch wesentlich zu verbessern sind", wies Kapitän Oliver Kahn auf die Schwächen in der Abwehr und speziell in der Innenverteidigung hin. Auch Völler kritisierte das schon in Wales beobachtete Fehlverhalten von Thomas Linke und Christoph Metzelder. Die Ordnung der Defensive ist die Hauptaufgabe bis zum WM-Start in Japan.

Dort könnte die DFB-Auswahl zu allem Überfluss in eine Klimafalle tappen: Die Quartierwahl des DFB hat bei den Gastgebern Kopfschütteln ausgelöst. Im Süden Japans, nahe der Tropenzone, kann jeden Tag die Regenzeit beginnen. Und die bringt Dauerniederschlag und extreme Schwüle mit sich.

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