Gewaltakte gegen Politiker sind äußerst selten in der Schweiz
Schweizer im Gewalt-Trauma

Das Entsetzen über den Amoklauf steht allen im Fernsehen befragten Politikern und den Menschen auf der Straße ins Gesicht geschrieben. Bei der Bluttat im Parlament des Schweizer Kantons Zug hatte ein Schütze mindestens 14 Menschen und dann sich selbst getötet.

dpa GENF. Noch beschäftigt der Terror von New York die Menschen, da geschieht dies Drama direkt vor der Haustür - das schien für viele einfach zu viel. Das Land stand am Donnerstag unter Schock, denn es handelte sich um den schlimmsten Amoklauf in der Schweizer Kriminalgeschichte.

Der als Polizist getarnte Täter hatte über drei Minuten lang alles unter Feuer genommen, was sich bewegte. Ein fassungsloser Parlamentarier und Banken-Analyst berichtete, dass seine Sitzungsmappe von Kugeln durchsiebt worden sei. Der Sitzungssaal sei schwarz von Rauch gewesen. Die Schießerei habe eine Ewigkeit gedauert, zumindest für die, die Deckung gesucht hätten, beschrieb ein Journalist die Situation. Der Attentäter, offenbar wütend darüber, dass die Volksvertreter eine Beschwerde von ihm just an diesem Tag abgelehnt hatten, zündete auch eine Blendgranate oder einen Sprengsatz.

Dem Präsidenten des Schweizer Parlaments, Peter Hess, der aus Zug stammt, versagte die Stimme, als er seine zur gleichen Zeit in Bern tagenden Kollegen bat aufzustehen, um der Opfer zu gedenken. Die direkte Demokratie in der Schweiz mit ihren Volksabstimmungen und der großen Selbstständigkeit der Kantone und Gemeinden bedeutet auch, dass sich Politiker und Bürger sehr nahe kommen können.

Vor dem Bundeshaus in Bern bilden sich täglich lange Schlangen von Besuchern, die sehen sollen, wie in ihrem Land Politik gemacht wird. Die Kontrollen sind einfach, der Besucher wird von zum Teil älteren und stets freundlichen Beamten weitergeleitet. Dies gilt auch besonders für die Kantonsparlamente und Regierungssitze. "Wir kennen uns alle, wir duzen uns doch", sagte eine bestürzte Abgeordnete.

Gewaltakte gegen Politiker sind äußerst selten in der Schweiz, es soll sie zuletzt 1890 gegeben haben, als Radikale in Bellinzona gegen die konservative Tessiner Regierung geputscht hatten und den Landeschef erschossen. Der letzte spektakuläre Amoklauf in der Schweiz geht auf den April 1986 zurück, als der Chef der Baupolizei der Stadt Zürich, Günther Tschanun, nach Spannungen an seinem Arbeitsplatz im Zürcher Hochbauamt vier Kollegen durch Kugeln tötete.

Betroffenheit also und als Reaktion nun doch scharfe Sicherheitsbestimmungen? Dies werde nun alles beraten werden müssen, sagte Hess. Schon in der vergangenen Woche, nach den schrecklichen Ereignissen von New York, hatte es in Bern Bombendrohungen gegeben. Es könne sein, "dass die Hemmschwellen brechen", sagte Hess vorsichtig. Bedrohungen nähmen zu, es gebe Nachahmungstäter. Die Verunsicherung zeigt, dass sich nach diesem Donnerstag auch in der Schweiz einiges ändern wird.

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