Gewaltige Auswirkungen der Steuerreform
Hintergrund: Die "Deutschland AG" steht vor ihrer Entflechtung

Schon zu normalen Zeiten geht es in der Finanzabteilung des größten europäischen Versicherers Allianz AG geschäftig zu. Aber angesichts der 2002 erwarteten Veränderungen in der deutschen Unternehmenslandschaft dürften die Beteiligungsexperten in der Münchener Konzernzentrale wohl auf Hochtouren arbeiten. "Wir kriegen jeden Tag ein neues Geschäft vorgelegt", beschreibt ein Mitarbeiter die Vorboten der 2002 anstehenden Entflechtung der Beteiligungsverhältnisse.

rtr FRANKFURT. Die Allianz hält derzeit allein an elf der größten deutschen Firmen Anteile im rechnerischen Wert von mehr als 35 Mrd. ?. Experten rechnen allerdings nicht unbedingt mit einem schlagartigen Umbruch, erwarten aber einschneidenste Veränderungen in der deutschen Firmenlandschaft in diesem Jahrzehnt.

Die "Deutschland AG" - also die fast undurchschaubaren Beteiligungsverhältnisse zwischen den hiesigen Großkonzernen - steht vor ihrer Entflechtung. Grund ist vor allem die Steuerbefreiung von Anteilsverkäufen. Insbesondere die großen Finanzgesellschaften wie Versicherer und Banken wollen ihre Firmenanteile gewinnbringend abstoßen und die Erlöse in ihr Kerngeschäft investieren. Und die Investmentbanker stehen Schlange, um Konzernen wie der Allianz bei der Bereinigung des Industrieportfolios behilflich zu sein. Auch die Deutsche Bank - mit Industrie-Beteiligungen im Wert von mehr als 20 Mrd. ? - kündigte bereits eine Bereinigung ihres Portfolios an.

Die möglichen Auswirkungen der Steuerbefreiung könnten gewaltig werden. Etwa 40 % des Kapitals der börsennotierten Konzerne in Deutschland liegen in Händen anderer Unternehmen. Allein die 30 großen Börsenkonzerne haben einen Marktwert von 765 Mrd. ?. Das heißt, dass etwa 300 Mrd. ? umgeschichtet werden könnten. Und darin enthalten sind noch nicht die tausenden von kleinen und mittelständischen Betrieben. Nach Worten von Bernd Heinemann, Partner bei der Management-Beratung McKinsey & Company, zahlen Käufer in der Regel einen Aufschlag von 30 % auf den Marktpreis, da sie damit rechneten, über die Jahre die Gewinne entsprechend zu steigern.

Ergebnisdruck auf Unternehmenschefs steigt

Nach dem Einbruch an den Aktienmärkten und deutlich weniger Fusionen und Börsengängen in diesem Jahr scharren die Investmentbanken angesichts der erwarteten Auflösung der Deutschland AG besonders heftig mit den Hufen. Sie wittern dicke Beratungs-Provisionen für die Abwicklung von Verkäufen. Aber auch in der ein oder anderen Konzernführung dürfte 2002 mit Spannung erwartet werden. Wenn in Zukunft statt der Versicherer zum Beispiel renditeorientierte Investoren von Pensions- oder Investment-Fonds das Sagen haben, könnte sich nach Expertenmeinung der Druck für die Unternehmenschefs erhöhen, gute Ergebnisse zu liefern.

Experten sehen den nächsten Jahreswechsel als Wendepunkt, auch wenn aufgrund der schwachen Finanzmärkte die Beteiligungsverkäufe wohl eher als "gemächlicher Fluss" denn als "Sturzbach" über die Unternehmenslandschaft kommen könnten. "Ich bin überzeugt, dass wir deutlich mehr M&A-Aktivität sehen werden, aber als Flut würde ich es nicht bezeichnen", sagt John Jetter, Chef des Investment-Banking bei JP Morgan in Frankfurt. Zwar werden auch für dieses Jahr noch ein paar steuerfreie Abschlüsse erwartet, aber 2001 werde geradezu blass aussehen im Vergleich zu 2000, als den Daten der Agentur Thomson Financial zufolge deutsche Unternehmen und Beteiligungen im Wert von 276 Mrd. Dollar den Besitzer wechselten.

Die Zahlen von Thomson Financial weisen für 2001 bisher einen Wert von 52,3 Mrd. $ an Firmenübernahmen in Deutschland aus, und darin sind alleine 21 Mrd. $ für den Kauf der Dresdner Bank durch die Allianz enthalten. Experten halten im Gesamtjahr daher beim Wert der Übernahmen einen Rückgang auf 50 % des Vorjahreswertes für wahrscheinlich. Allerdings fiel 2000 die Milliarden-Übernahme Mannesmanns durch Vodafone besonders schwer ins Gewicht. Im nächsten Jahr werde bei den Fusions-Aktivitäten zwar eine Erholung erwartet, die aber trotz Steuerbefreiung die Spitzenwerte des Jahres 2000 wohl nicht erreichen wird, heißt es.

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