Gewaltige Pipeline-Projekte
Russland fordert die Saudis heraus

Der Umbruch der Weltwirtschaft seit den Terroranschlägen vom 11. September hat für Russlands Wirtschaft neue Spielräume geschaffen: Die Kreml-Konzerne erobern immer neue Märkte für ihr Öl und Gas und treten als Energielieferant in offene Konkurrenz zu Saudi-Arabien.

MOSKAU. Russlands Energiefirmen drängen auf den Weltmarkt: China, Indien, Pakistan, Japan und die USA sind die Ziele großer Projekte der Kreml-Konzerne. Dabei profitieren die Russen von der geopolitischen Lage: viele Länder wollen die Abhängigkeit ihrer Energieversorgung vom Nahen Osten abbauen - an erster Stelle die USA.

Bereits jetzt ist Russland mit einer Ausfuhr von 3,2 Mrd. Barrel Öl pro Tag nach Saudi Arabien weltweit der zweitgrößte Exporteur. Doch stößt das Land bald an seine Grenzen: die existierenden Pipelines führen vor allem nach Europa und können höchstens 3,9 Mrd. Barrel transportieren, berichtet das International Center for Petroleum Business in Moskau. Diese Engpässe wollen die Konzerne jetzt durchbrechen. So sollen neue Ölhäfen im hohen Norden Tankerladungen in die USA möglich machen. Die Branchenriesen Lukoil, Yukos, Tjumen Oil und Sibneft unterzeichneten in dieser Woche eine Absichtserklärung, für bis zu 4,5 Mrd. $ eine knapp 3000 km lange Pipeline nach Murmansk zu bauen. Dort soll ein Tiefwasserhafen für Großtanker gebaut werden, die von dort aus in Amerika Erdöl anlanden sollen. Dort besitzt Branchenprimus Lukoil bereits ein Tankstellennetz.

Nach der Befreiung von den Taliban soll auch Afghanistan für eine Pipeline an den Golf von Karachi genutzt werden. So sollen unter anderem die reichen Gasvorkommen im turkmenischen Teil des Kaspischen Meeres auf die Märkte Asiens geliefert werden. Russische Pipelinebauer wollen das von Afghanistan, Turkmenistan und Pakistan geplante Projekt eines 1 500 Kilometer langen und 2 Mrd. $ teuren Röhrensystems realisieren, durch das jährlich 30 Mrd. Kubikmeter Erdgas nach Karachi gelangen sollen.

Der teilstaatliche russische Gaskonzern Gazprom plant nach Unternehmensangaben, durch den Iran und Pakistan eine Pipeline für 3,5 Mrd. $ nach Indien zu legen. Eine Absichtserklärung dazu hat der Gasriese mit Pakistan kürzlich unterzeichnet. Die Realisierung des Projekts war von Energieexperten lange bezweifelt worden, da die Unterwasser-Baukosten sehr hoch sind. Doch haben die Russen bereits die längste Unterwasser-Pipeline von Russland in die Türkei verlegt und sind zielstrebig entschlossen, sich in der geänderten geopolitischen Lage neue Märkte zu erobern.

Die Finanzierungsmöglichkeiten werden von Gazprom positiv eingeschätzt. Durch den erklärten Willen der USA, ihre Energieversorgung von der bisherigen Abhängigkeit von arabischen Öl zu lösen, eröffneten sich neue Perspektiven.

Auch Japan, das sich von den derzeit in der Erschließung befindlichen Erdöl- und Erdgas-Feldern um die russische Fernost-Insel Sachalin eine dauerhafte Belieferung erhofft, ist bereits zum Absatzmarkt für russische Konzerne geworden: Nippon Oil Corp. hat erstmals seit dem Ende der Sowjetunion russisches Erdöl gekauft. Da es keine Pipelines dorthin gibt, werden die 2 Mill. Barrel vom Schwarzmeerhafen Noworossijsk ins Mittelmeer gebracht und von dort mit Großtankern nach Japan verschifft. Lukoil hat bereits mehrere Tankerladungen nach Singapur auf den Weg gebracht. Die Moskauer verkaufen gerade ihren Anteil an einem großen Ölfeld im Kaspischen Meer an Japan für 1,25 Mrd. $ an eine japanische Firma.

Ein noch größerer Markt für die Russen ist China: Russlands Nummer zwei, Yukos will mit der Fertigstellung einer neuen Ölleitung ab 2005 mit 23 Mill. t Öl ein Viertel der chinesischen Importe decken. Laut Reuters wurde die Machbarkeitsstudie jetzt fertig gestellt, ein entsprechender Vertrag könne zwischen Yukos und der China National Petroleum Corp noch dieses Jahr abgeschlossen werden. Zudem baut Gazprom an einem inner-chinesischen Gasnetz mit, Gasleitungen von Sibirien nach China sind in Planung. Russische Konzerne wollen auch an der bevorstehenden Privatisierung teilhaben, wenn Teile von Sinopec, der Offshore-Bohrgesellschaft und dem nationalen Ölkonzern PetroChina verkauft werden.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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