„Gewaltiges Rekrutierungs-Video“
Ein Medienkrieg in Rot-Weiß-Blau

Die US-Medien stehen hinter ihrem Präsidenten. Für kritische Stimmen ist kaum Platz. Statt dessen konzentrieren sich die Fernsehsender auf die Stärke ihrer Truppen und auf technische Details - und 24 Stunden Krieg am Tag zeigen sie sowieso. CNN hat sein Logo von "Countdown to Iraq" in "Strike on Iraq" geändert.

NEW YORK. Seitdem läuft Irak pur über den Sender, der sich mit dem ersten Golfkrieg einen Platz in der Medienlandschaft gesichert hat - und das obwohl die irakische Regierung das Bagdad-Team des Senders am Wochenende ausgewiesen hat. Auch die US-Nachrichtensender Fox und NBC berichten Non-Stop über den Feldzug. Selbst beim Wirtschaftssender CNBC weht seit Ende letzter Woche das Sternenbanner hinter fallenden Ölpreisen und steigenden Aktienkursen. Dazu spielt Musik mit Glockengeläut.

Die Berichterstattung der US-Medien ist vor allem von Bildern von der Front und technischen Details geprägt. Weltweite Proteste, politische Analyse oder Bilder von Opfern gibt es kaum. Statt dessen dominieren Bilder von "unseren Truppen an der Front": David Blooms Stimme überschlägt sich fast, als er für NBC aufgeregt und live vom Gefährt im US-Army-Treck erzählt. Viele Reporter haben so genannte Videophones dabei, die Bilder per Satellit in die Heimat senden.

Damit läuft die Medienmaschine so, wie es sich die US-Regierung vorgestellt hat. Im letzten Golfkrieg hatte die Regierung den Journalisten den Zugang zum Kampfgebiet fast unmöglich gemacht, um Schreckensbilder zu verhindern. Das Ergebnis: Es war auch keiner da, um jubelnde, befreite Kuwaitis zu filmen. Auch im jüngsten Afghanistan-Feldzug riskierten die Amerikaner, im Propaganda-Krieg schlecht auszusehen.

Journalisten in die Truppen "eingebettet"

Diesmal hat das Pentagon Hunderte von Journalisten in die Truppen "eingebettet". Damit kann die Regierung die Informationen der Reporter kontrollieren. In Washington klingt das so: Die Medien sollen in die Lage versetzt werden, "die Wahrheit zu verbreiten".

Die USA wollen die Journalisten rund um die Uhr und rund um den Globus mit Nachrichten über den Krieg füttern. Dazu gibt es inzwischen im Weißen Haus als feste Einrichtung das Office of Global Information (Amt für globale Information), das im Umgang mit den Medien die Federführung hat. Zwar loben viele Journalisten die neue Strategie des Pentagon. "Ich habe in 36 Jahren noch nie soviel Zugang gehabt", schwärmt CNN-Korrespondent Walt Rodgers, der mit der 7th Cavalry der US-Armee unterwegs ist. Und auch der Ex-Soldat Oliver North, der für Rupert Murdochs Newscorp-Tochter Fox berichtet, fühlt sich wohl: "Ich liebe es, bei den Marines zu sein, und meine Zuneigung wird natürlich erwidert."

Aber die Kampagne - die sich schon den Spitznamen "Tankcam" ("Panzerkamera") verdient hat - hat nicht nur Freunde: "Es ist wie gesalzene Nüsse - geschmackvoll, aber fast frei von qualitativen Nährstoffen", kritisierte Alex Jones, Leiter des Presse-Instituts an der Harvard-Universität. Aus der Sicht des Pentagons "war es bisher ein einziges, gewaltiges Rekrutierungs-Video".

Krieg um die Einschaltquoten

In ihrem eigenen Krieg um die Einschaltquoten zu Hause kämpfen vor allem die drei Nachrichtensender CNN, Fox News und die NBC-Kabeltochter MSNBC um die Gunst der Zuschauer. Die erste Runde bei den Angriffen von Mittwoch Nacht ging an Fox: Nach Nielsen-Angaben schlug der konservative Sender CNN mit 7,1 zu 6,6 Millionen. MSNBC kam nur auf 3,4.

An der Heimatfront steht in den Fernsehstudios ein ganzes Heer von pensionierten Generälen als Militär-Experten im Sold der Sender. Sie alle berichten stets in der ersten Person Plural: "Wir haben unsere strategischen Ziele in Bagdad mit unseren Präzisionsraketen getroffen" - von journalistischer Distanz ist wenig zu spüren.

Präzision ist eines der am häufigsten gebrauchten Worte in der Berichterstattung der US-Sender. Die Faszination an der Kriegstechnik spiegelt sich in detailliertesten Grafiken über die Waffen wider. Auch Appelle an den Patriotismus sind beliebt. Auf MSNBC zeigt die Moderatorin Soldatenfotos und liest Briefe von Ehefrauen und Eltern vor. Tenor: "Wir sind so stolz auf Euch." Es folgt der Aufruf, weitere Bilder zu schicken. Sie alle würden einen Platz auf der "Wall of American Bravest" finden - der Wand der mutigsten Amerikas.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%