Gewerkschaft greift Personalvorstand massiv an
Bahn bremst Personalabbau

Auf ihrem Sanierungskurs gerät die Bahn durch nicht kalkulierte Personalkosten in dreistelliger Millionenhöhe ins Schleudern. Der geplante Abbau von 60 000 Stellen bis 2005 muss verlangsamt werden. Im Fahrbetrieb fehlt immer mehr Personal. Die Gewerkschaft Transnet macht Personalchef Föhr für Fehlplanungen verantwortlich.

DÜSSELDORF. Die Deutsche Bahn AG wird ihren Personalabbau deutlich verlangsamen, weil im täglichen Betriebsgeschehen zunehmend Mitarbeiter fehlen. In den kommenden Jahren würden jeweils 4 000 Stellen mehr erhalten bleiben, als in der erst im Frühjahr verabschiedeten Mittelfristplanung bis 2005 vorgesehen war, räumte Personalvorstand Horst Föhr gegenüber dem Handelsblatt ein.

Die zusätzlichen Personalkosten in dreistelliger Millionenhöhe sollten seiner Aussage zufolge durch höhere Umsätze aufgefangen werden. Allerdings hatte die Bahn trotz Umsatzsteigerungen im ersten Halbjahr bereits Ende August angekündigt, dass sie für das laufende Jahr angesichts steigender Belastungen mit einem negativen Betriebsergebnis rechne.

Unterdessen kritisierte der Chef der Eisenbahner-Gewerkschaft Transnet, Norbert Hansen, massiv die Personalpolitik der Bahn. Sie sei "unseriös und unrealistisch". Das Ziel, die Bahn bis 2004 kapitalmarkt- oder börsenreif zu machen, werde sich durch die Verfehlung der wirtschaftlichen Ziele im Personalsektor um Jahre verzögern, sagte Hansen, zugleich stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei der Bahn AG, dem Handelsblatt.

Gewerkschaft: völlig unfähige Führungsschicht

In der Transnet-Mitgliederzeitschrift "inform" wird die größte der drei Bahn-Gewerkschaften noch deutlicher: "Neben einer völlig unfähigen Führungsschicht sind utopische Zielvorgaben und praxisferne Entscheidungen die Ursache dafür, dass der letzte Rest einer funktionierenden Bahn auf dem Rücken der Eisenbahner langsam zu Tode gequält wird", heißt es in einem Artikel unter der Überschrift "Fehlplanungen à la Föhr - Personalmisere stinkt zum Himmel".

Nach Darstellung des Personalchefs ist der verlangsamte Personalabbau unter anderem darauf zurückzuführen, dass neue, Personal sparende Techniken wie elektronische Stellwerke oder die Betriebsüberwachung per Funk nur verzögert eingeführt werden könnten. Bei der für Schieneninfrastruktur und Betrieb verantwortlichen DB Netz AG seien noch die meisten Personalreduzierungen notwendig - "etwa die Hälfte des Abbaus, der im Konzern noch vor uns liegt", sagte Föhr.

Nach Einschätzung von Transnet-Chef Hansen ist aber vielfach schon Personal im Vorgriff auf neue Techniken abgebaut worden, die noch gar nicht da seien. Die Reduzierungen würden "mit der Rasenmäher-Methode" willkürlich und ausschließlich an Budgets orientiert durchgeführt. Diesen Vorwurf wies Föhr zurück. Dies sei zwar "im letzten Jahr noch passiert", doch inzwischen sei man mit einer "funktionsbezogenen Personalplanung erheblich weiter als früher".

Auch der Rückzug des Konzerns aus verkehrsschwachen Gebieten verzögert sich, mit entsprechenden Folgen auf der Personalseite. Nach Angaben von Hansen schließt die Güterverkehrstochter DB Cargo nicht wie geplant schwach genutzte Güterverkehrsstellen. Allein daraus ergebe sich ein Personalüberhang von mindestens 1 500 Arbeitsplätzen. Auch im Personenverkehr bleibe der Konzern weit hinter seinen Planungen zurück.

Ungeachtet dessen beklagt die Gewerkschaft hohe Überstundenbelastungen bei den Mitarbeitern im Fahrbetrieb. "Die Berge türmen sich vor allem da auf, wo das Geschäft gemacht wird", kritisiert Hansen. Es gebe Eisenbahner mit mehr als 1 000 Überstunden, viele hätten ihr Jahresarbeitszeitkonto bereits im September erfüllt. Teilweise könnte Urlaub nicht mehr abgewickelt werden, selbst für wichtige familiäre Anlässe gebe es manchmal keine freien Tage mehr. In der Transnet-Zeitschrift wird ein ungenannter Interregio-Zugbegleiter zitiert: "Die Bahn arbeitet nur noch auf Pump. Bei uns pumpen sie sich Millionen Arbeitsstunden, von denen sie wissen, dass sie uns diese niemals zurückgeben können."

Föhr bestritt dies gegenüber dem Handelsblatt. Ein "Nachsteuern" sei nur in einigen Ballungsgebieten erforderlich. Alles Weitere seien "Einzelfall-Darstellungen". Im bundesdeutschen Durchschnitt belege die Bahn AG insgesamt bei den Überstunden nur einen mittleren Platz und baue die Konten kontinuierlich ab. Auch für die von Transnet beobachteten "Frustkündigungen" junger Mitarbeiter gebe es keinen Beleg. Die Fluktuationsrate habe sich nicht verändert.

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