Gewerkschaft ruft zum letzten Gefecht
Kommentar: Irrsinn mit Methode

Selten waren die Funktionäre des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) so wirklichkeitsfern wie heute.

HB DÜSSELDORF. Die Nachrichten eines einzigen Tages: Die IG Metall will in Ostdeutschland für die 35-Stunden-Woche streiken, obwohl die Unternehmen ums Überleben kämpfen. Die Gewerkschaft Verdi blockiert die neuen Öffnungszeiten, obwohl der Einzelhandel in der schlimmsten Krise seiner Geschichte steckt. Mit einer wilden Protestaktion legen Gewerkschafter den Düsseldorfer Flughafen lahm, obwohl die Airlines ohnehin schon am Rande des Ruins balancieren. Und der DGB will fünf Millionen Euro in eine Kampagne gegen die Sozialreformen der Regierung stecken.

Der Irrsinn hat Methode: Seit dem großen ÖTV-Streik 1974 unter Heinz Kluncker haben sich die DGBler nicht mehr so im selbst geschaffenen Wahngebilde verfangen wie heute. Mit ihrer Mischung aus moribunden Wirtschaftstheorien, Phantasien vom Endkampf gegen die neoliberale Weltverschwörung und Widerstandsromantizismen aller Art entfernen sich die Funktionäre immer weiter vom betrieblichen Alltag. Wo sich alle um die letzten industriellen Arbeitsplätze in Ostdeutschland sorgen, ruft die Gewerkschaft zum letzten Gefecht gegen eine vermeintliche "Gerechtigkeitslücke": Metaller Ost sollen endlich genauso wenig arbeiten wie Metaller West.

Wer redet von der Produktivitätslücke? Wer erinnert an die wirkliche Kluft im Osten - zwischen Arbeitsplatzbesitzern und Arbeitsplatzsuchenden? Auf Argumente hören die Funktionäre nicht mehr, vielleicht aber auf die Fakten: Zur selben Zeit, als die IG Metall gestern die Tarifverhandlungen im Osten für gescheitert erklärte, verkündete der VW-Konzern eine Investition in Höhe von 600 Millionen Euro in Polen. Während die Sachsen streiken, können sich die Menschen in Posen über neue Arbeitsplätze freuen.

Natürlich ist es Zufall, dass uns beide Nachrichten gleichzeitig erreichen. Ein direkter Kausalzusammenhang besteht nicht. Aber man muss schon zur Beton- und Monierbaufraktion gehören, um nicht zu begreifen: Mit dem EU-Beitritt der osteuropäischen Nachbarländer im nächsten Jahr wird der Wettbewerb noch härter für die Unternehmen in den neuen Bundesländern. In Polen wird in der Regel 40 Stunden und mehr gearbeitet. Und über eine "Gerechtigkeitslücke" hat sich dort noch niemand beschwert.

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