Gewerkschaft steht unter Zeitdruck
Auto-Betriebsräte setzen IG Metall unter Druck

Auch innerhalb der IG Metall wächst die Kritik an der Streikführung in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie. Vor allem die Betriebsräte der Automobilhersteller werfen dem designierten Vorsitzenden Jürgen Peters und dem ostdeutschen Bezirksleiter Hasso Düvel vor, "ohne geeignete Strategie" den Arbeitskampf um die Einführung der 35-Stunden-Woche begonnen zu haben. "Es fehlen die Landeplätze für einen Kompromiss", lautet der zentrale Vorwurf.

HB/dpa FRANKFURT/M. Unterdessen wird der der Streik bei dem Brandenburger Autozulieferer ZF wird nach den Worten von IG-Metall-Chef Klaus Zwickel am Donnerstag ausgesetzt. Nachdem sächsische Betriebe Haustarifverträge abgeschlossen hätten, bestehe die Gefahr, dass auch Betriebe wie das ZF-Getriebewerk Brandenburg in Potsdam oder VW in Zwickau dem Trend folgen würden, sagte Zwickel am Dienstag in Sindelfingen.

Nach dpa-Informationen haben sich die mächtigen Betriebsratsvorsitzenden von BMW bis VW unisono gegen massive Solidaritätsaktionen an den westdeutschen Produktionsstandorten ausgesprochen. Auf einer internen Sitzung der Arbeitnehmervertreter aus der gesamten Autoindustrie einschließlich der Zulieferer am Montagnachmittag in Frankfurt drängten sie auf eine rasche Beilegung des Tarifkonflikts in Ostdeutschland.

Gegen die Position des scheidenden IG Metall-Vorsitzenden Klaus Zwickel hatte sich dessen Stellvertreter Peters zusammen mit Düvel damit durchgesetzt, in Ostdeutschland den Kampf um die 35-Stunden- Woche zum entscheidenden Thema in der Tarifrunde 2003 zu machen. Während der "schonungslosen Debatte", so ein Teilnehmer in Frankfurt, wurde sogar ein Aussetzen des Streiks und die Suche nach einem geeigneten Schlichter ins Spiel gebracht. Über diesen Weg könnten beide Tarifparteien ohne Gesichtsverlust aus der festgefahrenen Situation kommen.

Angesichts der bereits vierten Streikwoche - und bevorstehender Urlaubszeit ohne erkennbare Aussichten auf einen Kompromiss - gerät die IG Metall nun auch unter Zeitdruck. Auch vielen westdeutschen Metallern fällt es schwer, gegen die gesamte öffentliche Meinung den Arbeitskampf politisch zu legitimieren. In Anbetracht der hitzigen Debatten um die Agenda 2010 und den Umbau des Sozialstaates sei der Konflikt um eine kürzere Arbeitszeit auch im Westen kaum zu vermitteln.

Die Kontroverse innerhalb der IG Metall wird auch an Personen festgemacht. In der Auseinandersetzung um die Nachfolge Zwickels habe sich Peters gegen seinen Kontrahenten, den Stuttgarter Bezirksleiter Berthold Huber, nicht zuletzt mit seiner harten Haltung in der Frage der Arbeitszeit profiliert. Auch Huber soll vor der aktuellen Konfrontation in den neuen Ländern gewarnt haben. Für den Gewerkschaftstag im Oktober ist Peters zur Wahl des 1. Vorsitzenden vorgeschlagen, Huber soll zunächst nur Stellvertreter werden.

Die Sorge der Kritiker geht weit über den aktuellen Arbeitskampf im Osten hinaus. Einige Betriebsräte fürchten, dass die Gegner der Gewerkschaften eine generelle Debatte über das Streikrecht in Deutschland lostreten. Mahnend wird auf die USA verwiesen, wo gewerkschaftlich organisierte Streiks nur möglich sind, wenn mindestens 50 Prozent der Belegschaft auch Mitglieder einer Gewerkschaft sind.

Unterdessen versucht IG-Metall-Chef Zwickel mit neuen Signalen für einen Kompromiss, den Verhandlungsfaden wieder aufzunehmen. Bei der Umsetzung eines Stufenplans bis zur 35-Stunden-Woche soll in den Betrieben auch die jeweilige Wirtschaftskraft die Geschwindigkeit bestimmen. Anpassungs- und Revisionsklauseln für unvorhergesehene wirtschaftliche Entwicklungen werden ebenso offeriert wie die Einführung von Qualifizierungszeiten. Selbst die von den Arbeitgebern favorisierten Expertenkommissionen sind kein Tabu mehr, solange sie nur beratende - aber keine bestimmende - Rolle einnehmen.

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