Gewerkschaften
Im Leerlauf an die Macht

Jürgen Peters und Berthold Huber haben den Gewerkschaftstag zum Duell der Mikadospieler gemacht: ja niemanden anstoßen. Er könnte das mit Stimmentzug bestrafen.

Frankfurt. Für einen kurzen Moment ist Jürgen Peters ganz bei sich. Die Delegierten im voll gepackten Saal des Frankfurter Congress Centrums, die Meute der Fotografen, die Vorstandskollegen; er nimmt sie nicht wahr. 66,1 Prozent. Peters nickt. Langsam und ernst, so als habe er verstanden.

Dann steht er auf. Spärlicher Beifall. Im Blitzlichtgewitter knipst Peters sein Siegerlächeln an, reckt die Arme. Jemand drückt ihm einen Strauß roter Nelken in die Hand. 66,1 Prozent, das ist schlimmer, als seine Leute befürchtet haben. Es ist die größte Schlappe, mit der je einer IG-Metall-Chef geworden ist. Später auf dem Podium wird Peters von einem "ganz ehrlichen Ergebnis" sprechen. Nach den Krisentagen der IG Metall könne man nichts anderes erwarten. Aber er werde auch diejenigen überzeugen, die ihn nicht gewählt haben. Erst jetzt ist der Beifall lang und stark. Die 593 Delegierten sind erleichtert. Sie haben sich nach einem Ende der Schlammschlacht um Macht und Posten gesehnt. Es scheint geschafft. Jürgen Peters ist neuer Erster Vorsitzender der IG Metall.

Jetzt ist Berthold Huber an der Reihe. Nur wenn sein designierter Stellvertreter ebenfalls ein schlechtes Ergebnis einfährt, ist Peters nicht geschwächt; das weiß er. Wieder werden die Stimmen ausgezählt. Die Huber-Leute fürchten, ihr Mann werde für das schlechte Ergebnis von Peters abgestraft. Und tatsächlich: Nur ein Prozent mehr als Peters. Versteinert ist sein Gesicht, als die Wahlkommission das Ergebnis verkündet. Nur Peters springt sofort auf, gratuliert, lacht. Erleichtert. Das Kräftegleichgewicht ist wieder hergestellt.

Fast wäre Peters? Strategie nicht aufgegangen. Den ganzen Gewerkschaftstag über war er vorsichtig gewesen. Hatte inhaltsleere Reden gehalten, die keinem weh tun, seinen Rivalen Huber den richtigen Mann für das Amt des Stellvertreters genannt und sogar den verhassten Vorgänger Klaus Zwickel artig begrüßt. Es reichte nicht. Denn bis zuletzt ließ er offen, wie er es wirklich mit den erwarteten Kampfkandidaturen um die weiteren Posten im geschäftsführenden Vorstand hielt. "Das haben ihm viele Delegierte übel genommen", sagt einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Denn der Argwohn sei geblieben, Peters begrüße insgeheim die Kandidatur von Vertrauten für das Spitzengremium der IG Metall.

Die Delegierten wollen Ruhe. "Wer hier nochmal die Personaldebatte aufkocht, wird abgestraft", warnt ein IG-Metall-Bezirksleiter schon am Tag vor der Wahl. Und so kommt es dann auch. Klaus Ernst, der es auf den Posten von Vorstandsmitglied Wolf Jürgen Röder abgesehen hat, kassiert eine Niederlage. Auch die wenigen Rücktrittsforderungen auf dem Gewerkschaftstag bleiben folgenlos. Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück, der noch vergangene Woche eine Kampfkandidatur gegen Peters erwogen hatte, kündigt an, das Tandem Peters/Huber wählen zu wollen. Und weil ihm das offenbar noch nicht genug der Solidarität zu sein scheint, steigert er sich mit krächzender Stimme in eine solche Eloge auf die Gewerkschaften, dass die Delegierten sich das Lachen nicht verkneifen können.

Als erfolgreiches und gutes Wochenende lobt Peters am Ende den Kongress. Die Gewerkschaft habe zur Handlungsfähigkeit zurückgefunden. Wohin die IG Metall allerdings gehen will, das bleibt weiter unklar. Peters lässt sich nicht festlegen. Die hohen Mitgliederverluste? "Lassen niemanden kalt und können niemanden kalt lassen", sagt er. Die künftige Tarifpolitik? Peters belässt es bei einem Angriff auf Union und FDP, die mit gesetzlichen Attacken den Flächentarifvertrag aushebeln wollen. Und ob er die IG Metall als Gegen- oder Gestaltungsmacht versteht, bleibt ebenfalls im Dunkeln.

Das Dilemma durchzieht den Gewerkschaftstag: Die IG Metall muss sich für eine Richtung entscheiden. Sie kann es aber nicht. Unversöhnlich stehen sich die beiden Lager gegenüber. Da sind die Bannerträger der außerparlamentarischen Opposition. Der Delegierte Werner Bastian aus Frankfurt, rotes T-Shirt mit Che-Guevara-Aufdruck, der Zwickel vorwirft, er habe den Metallern das Kämpfen abgewöhnt. Sie dem sozialpolitischen Verrat der SPD ausgeliefert. Klaus Ernst, der später erfolglos gegen den gemäßigten Vorstand Wolf Jürgen Röder kandidiert, rüttelt die klein gewordenen Metallerherzen auf: "Stellt euch vor, ihr erwischt einen Einbrecher, der gerade den Fernseher rausträgt, aber sagt ,Ich bin das kleinere Übel. Da kommt gleich noch einer aus Bayern, der holt die Waschmaschine.?" Kunstvolle Pause. "Lasst ihr den dann laufen?" Tosender Beifall. Das ist es, was die waidwunden Seelen der Delegierten jetzt brauchen. Klar doch, die IG Metall muss die Diebe des Sozialstaats stellen, den Schröder genauso wie den Stoiber. Es gilt das Vermächtnis des scheidenden Linksaußen im Vorstand, Horst Schmitthenner: Als Juniorpartner im Schlepptau der neuen Sozialdemokratie habe die Gewerkschaft keine Zukunft.

Doch mindestens ebenso überzeugt ist der andere Teil des Kongresses, dass genau diese Art Fundamentalopposition die IG Metall geradewegs ins Verderben führt. Die Ursache für die Abkehr der Beschäftigten von den Gewerkschaften liege nicht bei den anderen, bei frühkapitalistisch agierenden Arbeitgebern und böswilligen Medien, mahnt Birgit Steinborn. Die Gewerkschaft selbst sei es, die sich zu langsam bewege. "Wir müssen weg vom Rote-Fahne-und-Blaumann-Image", fordert sie, und mancher gestandene Metaller bekommt einen dicken Hals. Auch die Vorstandsmitglieder auf dem Podium, hinter bulligen roten und weißen Konferenztischen verschanzt, bekommen ihr Fett weg. Mit bloßen Durchhalteparolen reagierten sie auf die dramatischen Mitgliederverluste, wirft ihnen Paul Rodenfels aus Gaggenau vor. Die Debatte wogt hin und her. 104 Namen stehen noch auf der Rednerliste, als sie vorzeitig geschlossen wird. Doch man dreht sich im Kreis wie ein heiß laufender Motor im Leerlauf. Die Feindbilder haben ihre Konturen verloren. "Manchmal wünsche ich mir, die CDU regiert. Dann hätten wir die Probleme nicht", bekennt ein Delegierter.

Die Metaller-Bosse ziehen es vor, während der gesamten Debatte zu schweigen. Peters sitzt auf dem Podium gleich links neben dem Rednerpult und lässt ungerührt Lob und Kritik über sich ergehen. Huber sitzt, weil noch nicht im Vorstand, bei seinen Baden-Württembergern im Saal. Die hohe Stirn noch zerfurchter als sonst, hält es ihn nur mühsam still.

Es muss. Bloß nicht jetzt mit irgendwelchen Bekenntnissen das Wahlergebnis gefährden. Huber weiß, was er dem Kongress zumuten kann - und was nicht. Man spürt, wie ihn dieses Mikadospiel um Stimmenprozente nervt, bei dem man sich nicht als erster bewegen darf. Es ist ein stiller Stellungskrieg um die Macht. Aber Huber hat sich entschieden, das Feld nicht zu räumen. Schließlich ist dieser Gewerkschaftstag erst der Auftakt zu vier gemeinsamen Jahren.

Klaus Zwickel, der diesen offen ausgebrochenen und jetzt wieder unter den Teppich gekehrten Machtkampf zu verantworten hat, schweigt ebenfalls. Er ist Gast auf dem Gewerkschaftstag. Nicht allen ein willkommener. Als Peters ihn zu Beginn begrüßt, ist der Beifall dünn für einen, der zehn Jahre lang die IG Metall geführt hat.

Ein "komisches Gefühl" sei es, auf einmal nur Gast zu sein, bekennt Zwickel. Auch eines, das manchmal schmerze. Einsam wirkt er, wie er allein durch das Foyer des Congress Centrums geht. Und beinah scheint es, als ob die rot-grüne Regierung, mit der Zwickel sich so heftig gestritten hat, dem Gefallenen größere Ehre zuteil werden lässt. Ende September hat Gerhard Schröder ihn zu einem Abschiedsempfang ins Kanzleramt geladen. Hundert Gäste darf Zwickel mitbringen. Er höre der Debatte zu und schreibe die Gästeliste, sagt Zwickel. Er lacht. Es ist ein Scherz. Freilich ein bitterer.

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