Gewerkschaftshardliner gefährden das Wahlkampfbündnis mit Schröder und die Zukunft des Flächentarifvertrages
Analyse: Die IG Metall sägt am eigenen Ast

Noch sind die Warnstreiks in der Metallindustrie nur Nadelstiche, Inszenierungen für die Medien. Mit einem Arbeitskampf wie zuletzt im Jahre 1995 ist trotz der Mobilisierungswelle nicht zu rechnen.

DÜSSELDORF. Ein großer Streik wäre ein Streik gegen den Aufschwung, auf den Gerhard Schröder im Wahlduell mit Edmund Stoiber setzt. Nachdem sich der IG-Metall-Chef Klaus Zwickel für Schröders Wiederwahl stark gemacht hat, kann die IG Metall dem Kanzler schlecht mit einem Arbeitskampf und einem überhöhten Abschluss den Boden unter den Füßen wegziehen. Das wäre schizophren.

Die IG Metall würde dann nicht nur Schröders Bündnis für Arbeit ad absurdum führen, sondern auch das gerade geschlossene Wahlkampfbündnis platzen lassen. Die IG Metall muss mit einem maßvollen Pilotabschluss die geschuldete Gegenleistung für die Entzahnung des SPD-Wahlprogramms erbringen. Daran wird der Kanzler die IG-Metall-Spitze bei ihrem Zusammentreffen am Montag erinnern. Ein deutlich über den Produktivitätsfortschritt hinausgehender Metallabschluss mit einer Drei vor dem Komma würde noch mehr Arbeitsplätze kosten. Das aber kann sich Gerhard Schröder, der sich jederzeit am Abbau der Arbeitslosigkeit messen lassen will, nun wirklich nicht leisten.

Die IG Metall muss schleunigst die Geister wieder loswerden, die sie mit ihrer unmäßigen 6,5-Prozent-Forderung geweckt hat. Sie muss auf den im Jahre 2000 beschrittenen Pfad der tarifpolitischen Vernunft zurückkehren. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hat seine Einigungsbereitschaft nicht nur durch das mit zwei Prozent hohe Angebot, sondern auch durch die Ankündigung unterstrichen, im Falle eines Arbeitskampfes auf eine Aussperrung verzichten zu wollen. Mit dieser Friedfertigkeit macht er zugleich aus der Not eine Tugend. Denn der Verzicht auf alte Arbeitskampfrituale entspricht nicht nur der Einsicht, dass diese in der vernetzten Just-in-time-Wirtschaft viel verheerendere Folgen als in der alten Vorratswirtschaft hätten. Die Metall-Arbeitgeber haben nach der Niederlage von 1995 im bayerischen Arbeitskampf, als sie sich als aussperrungsunfähig erwiesen, ein gebrochenes Rückgrat.

Die Arbeitgebersolidarität ist Mummenschanz, es gibt sie nicht mehr. Die IG Metall und Gesamtmetall sitzen in einem Boot. Beide leiden unter der Tarifflucht. Sie könnte wieder zunehmen, wenn die Metallpartner alte Schlachten schlagen. In Ostdeutschland gilt für 73 Prozent aller Betriebe des verarbeitenden Gewerbes und für 54 Prozent der Beschäftigten heute kein Tarifvertrag mehr. In der sächsischen Metall- und Elektroindustrie unterliegen 81 Prozent der Firmen keinem Tarifvertrag. Der schleichende Systemwechsel vom Verbandstarifvertrag zu einer betrieblichen oder einzelvertraglichen Regelung der Arbeitsbedingungen ist dort bereits weitgehend vollzogen. Wenn Verbandstarifverträge keine Luft zum Atmen lassen, werden sich immer mehr Unternehmen aus ihren Fesseln befreien.

Die IG Metall hat diese Gefahr erkannt. Klaus Zwickel hat im Vorfeld der Tarifrunde einen Vorstoß zur Differenzierung unternommen, aber sich nicht durchsetzen können. Über eine Differenzierung, etwa über ein variables Weihnachtsgeld, wird in dieser Runde gar nicht erst verhandelt. So verspielt die IG Metall, getrieben durch den Kampf um die Zwickel-Nachfolge, die Zukunft des Flächentarifvertrages.

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