Gewerkschaftstag
Frank Bsirske soll neuer ÖTV-Chef werden

Nach dem Rücktritt von Herbert Mai steckt die zweitgrößte deutsche Gewerkschaft tief in der Krise.

Reuters LEIPZIG. Neuer Vorsitzender der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) soll nach Angaben aus Gewerkschaftskreisen der frühere stellvertretende niedersächsische Bezirkschef Frank Bsirske werden. Der Vorstand werde das Grünen-Mitglied am Donnerstag auf dem Leipziger ÖTV-Kongress als Nachfolger von Herbert Mai vorschlagen, erfuhr Reuters am Mittwochabend nach einer Sitzung der ÖTV-Spitze aus vorstandsnahen Kreisen. Mai hatte nach der Abstimmungsschlappe über die Bildung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur erklärt. Die vier anderem am Verdi-Prozess beteiligten Gewerkschaften wollen an dem Projekt fest halten.

Bsirske verfüge über hohe Integrationskraft, weil er den Prozess der Fusion der ÖTV mit vier anderen Gewerkschaften zur Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zwar kritisch begleitet habe, zugleich aber für das Projekt sei. Im Gegensatz zu Mai sei das Grünen-Mitglied ein "kämpferischer Typ", der bei Tarifverhandlungen offensiv auftreten werde. Eine offizielle Bestätigung der Nominierung Bsirskes war am Mittwochabend nicht zu erhalten.

Bsriske ist derzeit Personalreferent bei der Stadt Hannover. In den ÖTV-Kreisen hieß es, der Hauptvorstand habe sich mit den Bezirkschefs fast einstimmig auf Bsirske geeinigt. Nur ein Landesbezirk habe Vorbehalte gehabt, weil er bei den Grünen tätig sei. Bisher waren alle ÖTV-Vorsitzenden SPD-Mitglieder. In den Kreisen hieß es weiter, Bsirske besitze genügend Integrationskraft, um die ÖTV aus der Führungskrise zu führen. Der Vorstand hatte nach Gewerkschaftskreisen bis zum Mittag vergeblich versucht, Mai zum Weitermachen zu bewegen.



Mai hatte seinen Rückzug damit begründet, dass es ihm nicht gelungen sei, für Verdi eine Mehrheit in der ÖTV zu finden. Mai stand seit 1995 an der Spitze der ÖTV und war auch für den aus Sicht vieler Gewerkschaftler schlechten Tarifabschluss im öffentlichen Dienst kritisiert worden.

Bei der Abstimmung über die Fortsetzung des Prozesses zur größten Einzelgewerkschaft der Welt hatten am Dienstag nur 65,5 % der Delegierten für Verdi gestimmt. Für die im März 2001 geplante Auflösung der ÖTV und ihre Verschmelzung mit der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), der Deutschen Postgewerkschaft (DPG) und der IG Medien ist eine Zustimmung von 80 % der Gewerkschaftstags-Delegierten erforderlich.

Das Projekt ist innerhalb der ÖTV umstritten, weil die geplanten 13 Fachbereiche zu Lasten der Flächenpräsenz gehen. Gleichwohl beschloss der Gewerkschaftstag am Mittwoch für März die Einberufung des Verschmelzungskongress.

Die Chefs der vier anderen Verdi-Gewerkschaft sagten am Rande des Leipziger ÖTV-Kongresses, die Vorbereitungen für die Fusion zur Dienstleistungsgewerkschaft seien so weit gediehen, dass von ihnen niemand zurück wolle. HBV-Chefin Margret Mönig-Raane stellte zugleich klar, dass mit dem ÖTV-Votum auch die Risiken eines Scheiterns deutlicher geworden seien. Denkbar sei nun, dass die ÖTV im Rahmen eines "Vier plus eins"-Modells später zu Verdi hinzustoße, falls auf dem Verschmelzungskongress im März die 80-Prozent-Mehrheit verfehlt werde. DAG-Chef Roland Issen sagte, alle hätten die Hoffnung, das Verdi noch gelingen werde.

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