Gewinne der US-Unternehmen erholen sich nur langsam
Die Stunde der Buchhalter

Amerika feiert den Aufschwung. Der Börsenindex Dow Jones hat das Stimmungstal verlassen und sich Ende Februar oberhalb der 10 000er-Marke festgesetzt. Die Ökonomen an der Wall Street überbieten sich mit Wachstumsprognosen für die US-Wirtschaft. Nur die Lenker der amerikanischen Unternehmen jubeln nicht mit: Nach einer Umfrage der Standesorganisation Business Council glauben drei Viertel der US-Manager, dass das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr mit einem Plus von 1,5 % kaum besser sein wird als im Krisenjahr 2001.

NEW YORK. "Die Ökonomen schauen auf die Konjunkturindikatoren, ich schaue auf mein Geschäft", sagt Kelyn Brannon-Ahn, Chef des Softwareanbieters Movie Magic Technologies in Los Angeles. Aus seiner Sicht hat die Wirtschaft die Trendwende noch nicht geschafft. Am meisten sorgen sich die Firmenchefs um ihre Gewinne. Nach dem Ertragseinbruch im vergangenen Jahr - die operativen Ergebnisse der im Standard & Poor?s 500-Index notierten Unternehmen sanken im Jahresvergleich um 30 % - herrscht in den Konzernetagen Alarmstimmung. Chuck Hill, Direktor beim Finanzinformationsdienst Thomson Financial/First Call bezeichnet die Gewinnerosion 2001 als einen der "schlimmsten Einbrüche seit dem Zweiten Weltkrieg". Verantwortlich dafür war der abrupte Abschwung nach dem Boom der 90er-Jahre. Hinzu kamen die Terroranschläge am 11. September, die Amerikas Wirtschaft zeitweise zum Stillstand brachten.

"Ohne diesen Schock hätte die Restrukturierung der US-Wirtschaft vermutlich viel länger gedauert", sagt Bruce Steinberg, Chefökonom bei der Investmentbank Merrill Lynch in New York. So haben die Unternehmen innerhalb kurzer Zeit eine Million Arbeitsplätze abgebaut und ihre Läger radikal geräumt. Die Rosskur hat die US-Wirtschaft nach Berechnungen der Investmentbank Morgan Stanley 135 Mrd. $ gekostet. Steinberg geht davon aus, dass sich die Gewinne der zurecht gestutzten Unternehmen in den kommenden Monaten schnell erholen werden. "Das hohe Produktivitätswachstum wird sich fortsetzen und die Lohnstückkosten weiter drücken."

Nicht ganz so optimistisch ist Marktforscher Hill: "Im ersten Quartal werden die Gewinne gegenüber den letzten drei Monaten des Vorjahres stagnieren. Erst im zweiten Quartal rechne ich mit einer Erholung." Zwar wird allein schon die schwache Ertragsbasis in 2001 dafür sorgen, dass die Profite im Jahresvergleich wieder anziehen. David Wyss, Chefökonom der Ratingagentur Standard & Poor?s erwartet deshalb für das Gesamtjahr einen Anstieg der operativen Ergebnisse von 26 %. Damit läge das Niveau allerdings noch unter dem von 2000.

Verzerrt wird das Zahlenwerk durch eine Änderung der Bilanzierungsregeln. Seit Jahresanfang ist es den US-Firmen nicht mehr erlaubt, den Firmenwert (Goodwill) nach einer Übernahme sukzessive abzuschreiben. Der Firmenwert ergibt sich aus der Differenz zwischen dem gezahlten Kaufpreis und dem Buchwert des gekauften Unternehmens. Abschreibungen darauf müssen künftig sofort vorgenommen werden.

Der Wegfall der sukzessiven Abschreibungsmöglichkeiten bewirkt, dass die ausgewiesenen Gewinne überzeichnet werden. Außerdem debattiert der Kongress in Washington darüber, ob Aktienoptionen für die Spitzenmanager künftig als reguläre Kosten verbucht werden müssen. Der feine Unterschied hätte gravierende Folgen für die Ergebnisse. Die Investmentbank Bear Stearns hat ausgerechnet, dass der operative Gewinn des Technologiekonzerns Oracle in 2001 um fast 1 Mrd. $ niedriger ausgefallen wäre, wenn die Aktienoptionen als Kosten verbucht worden wären.

Bilanzierungsfragen werden nach dem Skandal um die Pleite des Energiekonzerns Enron ohnehin einen hohen Stellenwert einnehmen. Statt nach einer Wachstumsstory fragen viele Anleger heute zuerst nach dem Verschuldungsgrad, Finanzgebaren und Cashflow. Die Firmen versuchen mit mehr Transparenz auf die neue Sensibilität der Investoren zu reagieren.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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