Gewinneinbruch um 96 Prozent – Neue Milliarden-Kredite geplant
Nur Gaspreis-Erhöhung kann Gazprom vor roten Zahlen retten

Gewinneinbruch, die Steuerfahndung im Haus und Überschuldung - Russlands Gasgiganten Gazprom ficht dies nicht an. Er will im kommenden Jahr frische Milliarden mobilisieren.

MOSKAU. Die Finanzlage des weltgrößten Gaskonzerns, OAO Gazprom, wird immer dramatischer. Doch das Moskauer Unternehmen will noch in diesem Herbst neue Eurobond-Anleihen im Westen für 750 Mill. $ auflegen und weitere 5 Mrd. Rubel (160 Mill. Euro) auf dem Binnen-Finanzmarkt mobilisieren.

Über gleich vier Varianten, wie sich der Konzern in den kommenden Jahren entwickeln soll, stritt sich am Dienstag der Aufsichtsrat. Dass eine von ihnen Gazprom schon bald aus der Krise führt, ist aber unwahrscheinlich. Denn das jahrelange Missmanagement der Unternehmensführung, die erst Ende Mai vorigen Jahres durch den Präsidenten-Vertrauten Alexej Miller erneuert wurde, hat Gazprom in die Enge getrieben. Nicht nur der Weltmarkt-Gaspreis muss dazu um 6,8 % über dem heutigen Niveau liegen, um Gazprom zu einem operativen Gewinn zu verhelfen. Die Regierung müsste im kommenden Jahr den Binnenmarkt-Gaspreis zudem um 50 % anheben. Zu diesen Annahmen gelangt der heiß diskutierte Finanzplan. Kaum ein Analyst glaubt allerdings, dass sich dies in einem Wahljahr durchsetzen lässt.

Deshalb wird der Konzern nach der gestern erörterten Planung die Fördermenge weiter zurückschrauben und wichtige Investitionen verschieben müssen - und trotzdem wohl in die Verlustzone rutschen. Gazprom habe noch immer nicht gelernt zu sparen und setze auf Gastarif-Erhöhungen, die es in dieser Höhe kaum geben werde, meint Iwan Masalow von der Commerzbank. Zudem hat Gazprom noch immer nicht richtig mit dem Verkauf unzähliger Firmenbeteiligungen begonnen, die nicht zum Kerngeschäft gehören.

Für das vergangene Jahr hatte Gazprom einen Einbruch des Reingewinns um 96 % von 9,3 Mrd. auf 361 Mill. $ einräumen müssen. Damit liegt das Ergebnis drastisch unter den Erwartungen der Analysten und weit unter dem errechneten Gewinn-Anstieg um 916 Mill. auf 2,4 Mrd. $. Zudem ist kürzlich die Steuerfahndung ins Moskauer Hauptquartier eingerückt. Die gewaltige Nachzahlung von Steuern und Milliarden-Verluste der Chemietochter Sibur waren schon für das verhagelte Vorjahres-Ergebnis verantwortlich. Dennoch schuldet Gazprom dem Fiskus noch immer 604 Mill. $ an Steuern. Der Aktienkurs ist seither auf Tauchgang.

Besserung ist nicht in Sicht: "Leider wird 2001 wohl das beste Finanzergebnis für viele Jahre gebracht haben", schätzen die Analysten der Moskauer Investmentbank Aton. "Denn sinkende Exporterlöse und höhere Operationskosten in 2002/03 werden zu niedrigeren Erlösen und Gewinnen führen." Noch verheerender sieht es an der Schuldenfront aus: Kredite für umgerechnet 6,8 Mrd. $ werden in 2003 fällig. Die Verschuldung war trotz Rekorderlösen im vorigen Jahr um 263 Mill. Auf 12,1 Mrd. $ gestiegen. In diesem Jahr müssen rund 6 Mrd. $ abgelöst werden, aber bisher konnten dafür nur 1,5 Mrd. $ am Finanzmarkt aufgenommen werden.

Neue Kredite sollen dem weltgrößten Gasförderer jetzt helfen: Allerdings berichten Moskauer Medien bereits von erheblichen Problemen, da der geplante Eurobond bei einer Ausweitung der Südamerikakrise platzen könnte. Die innerrussischen Anleihen seien gefährdet, weil im Herbst andere russische Konzerne mit geringeren Finanzproblemen an die Kapitalmärkte gingen und Gazprom so das Wasser abgraben könnten.

Mit einer Pleite des Konzerns rechnet indes niemand, denn der Staat, mit 38,4 % Hauptaktionär des Gasgiganten, mobilisiert alles zum Überleben der Firma: So musste die der Zentralbank gehörende Moskovsky Narodny Bank in London mit 250 Mill. $ Kredit aushelfen, die staatliche Vneshtorgbank (VTB) mit 670 Mill. $ und die mehrheitlich in Staatsbesitz befindliche Sberbank sogar mit 1,5 Mrd. $. "Die Finanzlage bei Gazprom ist kritisch", räumt VTB-Chef Andrej Kostin gegenüber dem Handelsblatt ein. Dennoch habe Gazprom die Reputation eines guten Schuldners.

Quelle: Handelsblatt

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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