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Gewinnerin der Kugelstoß-Goldmedaille bei den Paralympics in Sydney: Britta Jänicke: Entspanntes Verhältnis zum Geld

Sie hat Leichtathletik-Medaillen gesammelt. Sie gehörte in der Handball-Bundesliga der Damen zu den gefährlichsten Werferinnen. Sportlich ist die Karriere von Britta Jänicke eine Erfolgsgeschichte. Finanziell war sie ein "Plus-Minus-Null-Geschäft", sagt die Sportlerin, die ihr Geld in Bausparverträge und Sparbriefe steckt.

FLENSBURG. Nachdem sie die Goldmedaille im Kugelstoßen gewonnen hat, geht Britta Jänicke hinunter zum Hafen. Ihr Blick wandert von der berühmten Oper von Sydney auf der anderen Seite des Kais hinab zu dem Turnschuh in ihrer Hand. Ein paar kleine Steine hat die Flensburgerin hinein getan, um ihn zu beschweren. Sie wirft den Schuh in das Hafenbecken.

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41 Jahre alt ist Britta Jänicke in diesem Augenblick. Eine ungewöhnliche Laufbahn geht zu Ende. Trotz zahlreicher Medaillen in Seoul, Atlanta und Sydney sowie diverser Welt- und Europameisterschaften konnte sie nie von ihrem Sport leben: "Aus meiner Karriere bin ich finanziell mit Plus-Minus-Null heraus gegangen."

Britta Jänicke ist eine Vorzeigeathletin: Ehrgeizig, zielstrebig und erfolgreich. Ihr fehlt seit der Geburt der linke Arm. Deshalb konnte sie nur im Schatten der Olympischen Sommerspiele starten - bei den Paralympics der Behindertensportler - und dort ihre Medaillen sammeln. Auch wenn mittlerweile die Fernsehstationen diese Veranstaltung nicht mehr gänzlich ignorieren: Der Weltrekord und damit der Sieg von Britta Jänicke im Kugelstoß-Wettkampf der Amputierten bei den jüngsten Paralympics ist schnell vergessen.

Trotzdem ist Britta Jänicke mit sich und der Welt zufrieden. "Die fünf Wochen in Sydney waren die schönsten in meinem Leben. Das kann man nicht bezahlen." Zum Geld hat Britta Jänicke ein entspanntes Verhältnis. Der Sport habe sie nicht reich gemacht, erzählt sie und schaut aus dem Fenster des kleinen Hauses am Rande von Flensburg. "Finanziell nicht reich gemacht", fügt sie schnell hinzu. Was im Monat übrig bleibt, fließt in einen Bausparvertrag. Der Rest ist in Sparbriefen für die beiden Söhne angelegt.

Britta Jänicke ist der Ansicht, dass Geld mittlerweile eine viel zu große Rolle im Sport spielt. Für sie war der Sport ein Mittel, sich Ziele zu setzen und Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Dabei hat sie gelernt, unbefangen mit ihrer Behinderung zu leben. So schaffte sie es zum Beispiel mit einem enormen Trainingsfleiß Anfang der achtziger Jahre als Handballspielerin beim TSV Jarplund-Weding bis in die Bundesliga. Das war, bevor sie sich der Leichtathletik zuwandte. Ihr Trainer wurde damals mit schiefem Blick angesehen. Eine Armamputierte soll in der normalen Handball-Bundesliga spielen - meinte er das ernst? Doch Britta Jänicke hatte einen starken rechten Wurfarm. In den Spielzeiten 1982/83 und 1983/84 war sie jeweils unter den zehn besten Torschützinnen und unter den ersten Zehn bei der Wahl zur Handballerin des Jahres zu finden.

Der Preis dafür war allerdings hoch. Nach ihrer dritten Saison war sie den körperlichen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Es folgte der Wechsel zu Diskus, Speer und Kugel. Die Bilanz: Zweimal Gold bei den Paralympics 1988 in Seoul, Weltmeisterin 1994, Silber und Bronze bei den Paralympics 1996 in Atlanta, Europameisterin 1997, schließlich Bronze mit dem Diskus und Gold mit der Kugel im vergangenen Jahr in Sydney.

Da sie mit ihren Erfolgen nie Geld verdiente, blendete sie es als Ansporn völlig aus. "Ich habe Aufwand und finanziellen Ertrag nie gegengerechnet", erzählt sie. "Ich hatte Angst, ich könnte unzufrieden werden." So ausgelassen die Freude über den unglaublichen Kraftakt in Australien war, so nüchtern geht Britta Jänicke heute mit den Erinnerungen an diese Tage um. Die beiden Medaillen liegen schlicht auf der Ablage eines kleinen Holzschranks im heimischen Wohnzimmer. Die älteren Medaillen hat sie gänzlich in der Versenkung verschwinden lassen. Es ist absehbar, dass den beiden Sydney-Plaketten ein ähnliches Schicksal bevorsteht.

Britta Jänicke macht deutlich, dass sie nicht in der Vergangenheit leben will. Sportlich ist sie zu ihrer alten Liebe zurückgekehrt - zum Handball. Zur Zeit trainiert sie die B-Jugend-Männermannschaft des Handball-Bundesligisten SG Flensburg-Handewitt. Die gelernte Sozialpädagogin gibt jetzt als Berufsbezeichnung "Hausfrau und Mutter" an. "Ich werde keine Kugel und keinen Diskus mehr anfassen", hatte sie sich geschworen, als sie ihren Sportschuh in das Hafenbecken von Sydney warf. Allerdings habe es, so berichtet Jänicke, trotz der Steine sehr lange gedauert haben, bis er endlich untergegangen war.

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