Gewinnrückgang größer als von Analysten erwartet
Handy-Flaute bremst Siemens-Wachstum

Der schwache Handy-Markt und der Preisverfall bei Speicherchips hat das Wachstum des Siemens-Konzerns gebremst. Unter Berücksichtigung des Halbleiterkonzerns Infineon sei der Gewinn nach Steuern in den ersten sechs Monaten des laufenden Geschäftsjahres 2000/2001 (30.9.) zwar um neun Prozent auf 1,356 Milliarden Euro (2,65 Mrd DM) gestiegen, sagte Siemens-Chef Heinrich von Pierer am Donnerstag in Budapest. Im zweiten Quartal sei das Ergebnis jedoch um elf Prozent auf 578 Millionen Euro zurückgegangen.

rtr/dpa/dpa-afx BUDAPEST. Als Konsequenz auf diese Entwicklung werde Siemens mehr Stellen als ursprünglich geplant abbauen, kündigte von Pierer an. Im Mobilfunkbereich und im Arbeitsbereich Netzwerke sollen insgesamt 6 100 Arbeitsplätze wegfallen.

Der Umsatz des Elektronikkonzerns stieg um 15 Prozent auf 41,1 Mrd. Euro und der Auftragseingang um 12 Prozent. In diesen Zahlen sei das Halbleiter-Unternehmen Infineon enthalten. Ohne die Halbleiter-Tochter Infineon, aus der sich Siemens mittelfristig komplett zurückziehen will, stieg der Umsatz um 8 Prozent auf 19,2 Mrd. Euro.

Analysten hatten ohne Infineon im Durchschnitt mit einem Gewinn nach Steuern von 526,4 Mill. Euro und einem Umsatz von 19,27 Mrd. Euro gerechnet. Inklusive Infineon hatten die Branchenexperten einen Gewinn von 584,3 Mill. und einen Umsatz von 20,471 Mrd. Euro erwartet.

Von Pierer rechnet damit, dass auch das dritte Quartal (per 30. Juni) ein "schwieriges" Quartal wird. Das dritte Quartal werde nicht nur von den schwierigen Marktbedingungen belastet, sondern auch von bislang nicht bezifferten Umstrukturierungskosten, die in diesem Quartal verbucht werden sollen. Hinzu komme die anhaltende Volatilität bei Infineon. Das vierte Quartal werde dagegen "besser", sagte der Siemens-Chef.

Ohne Infineon Prognose eingehalten

"Insgesamt haben wir die Marktturbulenzen gut überstanden", sagte Pierer. Ohne Berücksichtigung der Infineon-Zahlen habe Siemens seine Prognose eingehalten, beim Gewinn stärker als in der Umsatzentwicklung zuzulegen. So habe nach dieser Rechnung das Ergebnis nach Steuern im ersten Halbjahr um 17 Prozent auf 1,141 Milliarden Euro zulegen können, die Umsätze seien um 15 Prozent auf 38,3 Milliarden Euro gestiegen. Erfreulich hätten sich vor allem die ehemals schwächelnden Bereiche Power Generation, Transportation und Medical entwickelt. Eine Prognose für das laufende Geschäftsjahr wollte der Siemens-Chef nicht abgeben.

Der Preisverfall auf dem Mobiltelefonmarkt belastet das Ergebnis des Bereichs Information and Communication Mobile (ICM). Zwar habe sich die Zahl der verkauften Handys im Jahresvergleich deutlich erhöht, nach einem guten ersten Quartal mit 9,3 Millionen verkauften Stück sei das Volumen im zweiten Quartal jedoch rückläufig gewesen. In diesem Zeitraum habe ICM einen Verlust von 143 Millionen Euro eingefahren. Bei den Marktanteilen liege Siemens im internationalen Vergleich mittlerweile jedoch vor dem angeschlagenen schwedischen Konkurrenten Ericsson auf Platz drei.

Absatzrückgang im Handygeschäft im Gesamtjahr 2001

Von Pierer erwartet für das Gesamtjahr 2001 eine Rückgang beim Absatz von Mobiltelefonen. Weltweit sollten in diesem Jahr 400 bis 450 Millionen Handys verkauft werden, sagte der Siemens-Chef. "Im Oktober letzten Jahres lagen die Schätzungen für 2001 noch bei 550 bis 580 Millionen Stück". Zwar entsprächen die neuen Prognosen immer noch einem Wachstum von rund 10% gegenüber dem Vorjahr. Die Handy-Anbieter hätten ihre Kapazitäten aber auf die deutlich höheren Erwartungen ausgerichtet und müssten nun "schmerzhafte Anpassungen nach unten vornehmen".

Als Grund für den Absatzrückgang nannte von Pierer die bereits vorhandene Marktdurchdringung vor allem in den europäischen Märkten sowie die hohen Lagerbestände bei den Herstellern nach einem schwächer als erwartet verlaufenem Weihnachtsgeschäft. Zudem habe bereits der Abbau der Subventionen von Betreibern begonnen, wodurch sich Mobiltelefon für den Kunden wieder verteuern

Auch der Bereich Unternehmensnetzwerke (ICN) habe mit rückläufigen Ertragszahlen zu kämpfen, sagte Pierer. Die Firmenkunden seien immer weniger bereit, in den Aufbau ihrer internen Netzwerke zu investieren. Das Ergebnis vor Zinsen, Ertragssteuern und Goodwillabschreibungen in Höhe 50 Millionen Euro im zweiten Quartal sei "nicht zufriedenstellend". Der Siemens-Chef kündigte in diesem Bereich den Abbau von weltweit 3 500 Arbeitsplätzen bis Ende September an, allein in Deutschland sollen rund 1 400 Arbeitsplätze betroffen sein. Bei IC Mobile sollen im selben Zeitraum 2 600 befristete Arbeitsverträge nicht verlängert werden, das entspricht knapp einem Drittel aller Arbeitsplätze in diesem Bereich.

Bereiche Energieerzeugung und Medical Solutions bewahrten Siemens vor Schlimmerem

Ergebnissteigerungen der Industriesparte Energieerzeugung (PG) sowie im Bereich Medical Solutions (MED) bewahrten Siemens im zweiten Quartal vor Schlimmerem. Getrieben von der weiterhin hohen Nachfrage nach Gasturbinen in den USA schoss das Ebita bei PG auf 129 Millionen Euro von 5 Millionen im Vorjahresquartal. Bei der Medizintechnik kletterte das operative Ergebnis auf 181 (103) Millionen Euro.

Für den Bereich Transportations Systems kündigte von Pierer einen weiteren Großauftrag an. Siemens habe sich mit der Deutschen Bahn auf die Lieferung von 13 Hochgeschwindigkeitszügen des Modells ICE-3 und 28 ICE-T-Zügen mit Neigetechnik geeinigt, sagte von Pierer. Ein Auftragsvolumen nannte er jedoch nicht. Erst am Vortag hatte Siemens mit einer Lieferung von Zugwagen nach Großbritannien im Wert von 2,5 Milliarden Euro den größten Auftrag für Siemens seit 20 Jahren bekannt gegeben.

Teil der Infineon-Anteile geht an Siemens Pensions-Fonds

Mit Blick auf Infineon, an dem Siemens derzeit noch 71 Prozent hält, sagte Pierer, der Konzern werde sich in Kürze von weiteren 15 Prozent seiner Anteile an dem Halbleiterunternehmen trennen. Im Laufe des dritten Quartals sollen 94 Millionen Aktien an den nicht in der Konzern-Bilanz aufgeführten Pensions-Fonds Siemens Pension Trust übertragen werden.

Unter anderem wegen Infineon hatte Siemens kurz nach dem Start an der New Yorker Börse Mitte März seine Gewinnerwartung für das laufende Geschäftsjahr dämpfen müssen. Am Dienstag hatte der Halbleiterkonzern einen Gewinneinbruch bekannt gegeben. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) war auf Grund des schwachen Handy- Marktes und des Preisverfalls bei Speicherchips von 253 auf 10 Millionen Euro eingebrochen.

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