Gewinnschätzungen schrumpfen schneller als die Kurse
Technik im Blick behalten

An Technologieaktien haben viele Anleger die Lust verloren. Ein Grund, sie gerade jetzt näher anzuschauen.

HB DÜSSELDORF. Wenn die Preise fallen, wird es billiger. Eigentlich ist das eine Binsenweisheit. Am Aktienmarkt trifft sie aber nur bedingt zu. Denn vor allem im Technologiesektor kann es passieren, dass die Gewinnschätzungen für einzelne Aktien noch schneller schrumpfen als deren Kurse. Dann ist eine Aktie, obwohl sie gesunken ist, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), trotzdem teurer geworden. Solche Kennzahlen können bei der Beantwortung der Frage helfen, ob man jetzt bei Tech-Titeln wieder zugreifen sollte. Zur Orientierung schauen die Profis auf die aktuellen Bewertungen, und da müssen selbst Optimisten einräumen, dass viele Aktien trotz der herben Rückschläge im langfristigen Vergleich noch überdurchschnittlich teuer sind.

Die Analysten von UBS Warburg zeigen am Beispiel der europäischen Technologiewerte, dass Bewertungskennzahlen sich wie Quecksilber verhalten. Mit einem PEG (Price Earnings to Growth) von 1,24 bewege sich der europäische Markt jetzt auf einem vernünftigen Niveau, verglichen mit den aufgeblähten 2,5 Anfang 2000. Aber, diese Rechnung von Kurs-Gewinn-Verhältnis zu erwartetem Gewinnwachstum verändert sich dramatisch, wenn das "G" - das erwartete Gewinnwachstum für die nächsten Jahre - angepasst wird. UBS Warburg verweist auf die Konsensusschätzung der Analysten für das Gewinnwachstum in den kommenden Jahren von durchschnittlich 27 % - findet die Zahl aber zu hoch und hält 18,5 % für angemessen. Doch damit würde das PEG von 1,24 auf 1,82 steigen - und Tech-Aktien wären wieder relativ teuer, denn nur Werte zwischen rund 1,0 bis vielleicht noch 1,5 gelten als günstig.

Allerdings sind solche zusammengefassten Daten für einen ganzen Markt auch gefährlich, denn die einzelnen Segmente entwickeln sich ganz unterschiedlich. "Wir erwarten weitere Gewinnwarnungen im Bereich Wireless und im Halbleitersegment", erklärt beispielsweise Harald Staudinger von der Fondsgesellschaft Activest. Die Fondsprofis gehen deshalb sehr wählerisch bei der Einzeltitelauswahl vor. Stark engagiert sind die Activest-Fondsmanager derzeit bei SAP, Philips Electronics, STMicroelectronics und ASML. Selbst wenn von der Bewertungsseite einer Aufführung des Stücks "Das Comeback der Tech-Titel" nichts im Wege stehen sollte, muss aber auf alle Fälle die Hauptdarstellerin wieder genesen - die Konjunktur.

Zukunftsszenarien können nicht die Stimmung heben

"Wie sich zeigt, sind Technologieaktien durchaus zyklisch und keine reinen Wachstumsaktien", meint Staudinger. Das Umfeld sei weiter schlecht und eine Stabilisierung der Frühindikatoren bleibe abzuwarten. Erste Anzeichen für eine konjunkturelle Verbesserung erwarte Activest im zweiten Halbjahr 2001. Manche Volkswirte glauben sogar, dass die Zinssenkungen der US-Notenbank - sechs Herabstufungen um insgesamt 2,75 Prozentpunkt - kein Anspringen der IT-Investitionen bewirken könnten, weil der Markt die vorgezogenen Investitionen (Umstellung auf das Jahr 2000, Interneteuphorie) noch nicht verdaut habe.

Die Experten von Credit Suisse First Boston gehen vorerst davon aus, dass 2002 oder 2003 keine "großen" Tech-Jahre werden. Aber eine neue Blütezeit sei dennoch so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Argumente von UBS Warburg: Der Übergang zu Breitbandtechnologien kommt, die Rechnerleistungen wachsen weiter stark und das Internet ermöglicht den Aufbau neuer Netzwerkstrukturen für Unternehmen. Auch würden die Studenten, die mit SMS-Kurznachrichten auf dem Handy und dem Internet groß geworden sind, in ein paar Jahren Managementfunktionen übernehmen. Tech-Investitionen stünden dann ganz oben auf der Tagesordnung.

Ein schönes Zukunftsszenario, aber zu weit weg, um jetzt die Stimmung zu heben. Nach dem Abwägen aller Argumente bietet sich deshalb folgende Strategie an: Wer einen Anlagehorizont von mindestens drei Jahren hat, kann jetzt damit anfangen, Wachstumstitel ins Depot zu nehmen. Man sollte die Marktführer kaufen, sofern die Bewertungen nicht schon zu hoch sind. Dabei muss der Anleger jedoch in Kauf nehmen, dass die Kurse kurzfristig vielleicht nochmals zehn bis 20 Prozent nach unten gehen. Andererseits läuft er bei einem schrittweisen Einstieg nicht Gefahr, beim nächsten Aufschwung zu fehlen. Und wem Käufe von Einzeltiteln zu heiß sind, der sollte mit einem Fonds oder einem Zertifikat erste Gehversuche unternehmen beziehungsweise einen neuen Anlauf wagen.

Ein solches antizyklisches Investieren stand auch Pate beim jüngsten Fonds des Frankfurt Trust. Mitten in der tiefsten Depression des Technologiesektors legt die Fondsgesellschaft der BHF-Bank den FT TecLeaders auf, der auf die "Gorillas" bei Speichermedien, Halbleitern, Telekomausrüstungen und Software setzt. "Nach den Hiobsbotschaften der vergangenen Wochen, was kann jetzt noch an schlechten Meldungen nachkommen?", fragt Fondsmanager Friedrich Diel und gibt gleich die Antwort: "Nicht mehr viel." Diel hat bei Nokia, den Softwareaktien Siebel, SAP und Checkpoint und sogar bei Internettiteln wie Yahoo und AOL zugegriffen.

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