Gewinnwarnung des Chipherstellers Texas Instruments belastet europäische Rivalen
Schlechte Nachricht aus den USA

Also gut, geben wir?s zu: Auch Journalisten sind keine Hellseher, die zukünftige Kurstrends mit Sicherheit voraussagen können.

FRANKFURT/M. Bedürfte es dazu noch eines Beweises, dann liefert ihn die Kolumne "Bulle & Bär" vom 27. September mit kritischen Aussagen zu Europas Halbleiter-Aktien. Seitdem kletterten die Kurse von Infineon, ASM Lithography und Co. weit stärker als der Gesamtmarkt.

Nun sind Journalisten zwar nicht hellseherisch, aber manchmal rechthaberisch veranlagt. Und deshalb soll hier beschrieben werden, warum die genannten Aktien weiter wacklige Investments mit beträchtlichem Verlustrisiko bleiben.

Den wichtigsten Grund nennt Analyst Karsten Iltgen von WestLB Panmure: "Eine Erholung der Branche ist nicht absehbar." Im Gegenteil: Der Ausblick, den der US-Chiphersteller Texas Instruments zum Wochenauftakt gab, enttäuschte die bereits gedämpften Erwartungen. Der Konzern blieb bei Gewinn und Umsatz im dritten Quartal unter den Prognosen, entlässt 500 Mitarbeiter und veröffentlichte für das nächste Quartal eine Gewinnwarnung. Kein gutes Vorzeichen für ST Microelectronics, deren Zahlen in der vergangenen Nacht anstanden.

Kein Wunder, dass Chiphersteller Infineon gestern zu den Tagesverlierern im Deutschen Aktienindex (Dax) zählte. Auch ASM Lithography in Amsterdam und ST Microelectronics in Paris erlitten herbe Verluste. Ähnlich erging es Epcos, deren passive Bauelemente wie die Speicherchips (Halbleiter) in fast allen elektronischen Geräten stecken - vom Personal-Computer übers Handy bis zur Autoelektronik.

Skeptiker fürchten, dass die Erholung der Halbleiter-Aktien nach dem jahrelangen Einbruch schon vorbei ist. "Die Titel waren erst teuer, dann machte der Kursverfall sie kurz billig, und jetzt stehen sie fast wieder am Startpunkt", sagt Ben Funnell, Europastratege bei Morgan Stanley. Im europäischem Musterportfolio der Bank liegt keine einzige Halbleiter-Aktie.

Zwei Aspekte bestimmen die Empfehlungen der Halbleiter-Analysten - Bewertung und Branchentrend. Beim ersten Aspekt herrscht derzeit ein gemischtes Bild. So ist die Infineon-Aktie zweifellos günstig bewertet, betrachtet man das Verhältnis Kurs zu Umsatz (KUV). Mit einem Wert von 0,85 (laut Bloomberg) lag Infineons KUV gestern nur knapp über dem von Morgan Stanley errechneten "Niedrigst-Wert" von 0,8. ASM Lithography (KUV 2,0) und ST Microelectronics (KUV 2,65) notieren dagegen weit über den Werten, die sie für Funnell zum billigen Schnäppchen machten.

Die relativ günstige Bewertung für Infineon hat ihre Gründe: "Vergangenes Jahr sah es eine Zeit lang so aus, als würde das Unternehmen in ernste Zahlungsengpässe geraten", sagt WestLB-Analyst Iltgen. Seitdem habe Infineon das Vertrauen der Investoren nie ganz zurück erlangt, obwohl andere Firmen heute finanziell schlechter dastehen. Commerzbank-Analyst Steve Woolf deutet an, dass Epcos und ASM Lithography nur eine dünne Kapitaldecke haben.

Ohnehin ist eine niedrige Bewertung nicht mal die halbe Miete. Letztlich hängen die Halbleiter an der künftigen Nachfrage bei Computer-, Auto- und Handyherstellern. Zwar hofft WestLB-Analyst Iltgen, dass der Computerbereich 2003 endlich anzieht. Auch brauchen neue Handymodelle mit Farb-Bildschirm mehr Speicherchips. Doch die Unternehmen selbst sind skeptisch - siehe Texas Instruments.

Die Commerzbank fasst die Lage so zusammen: "Wir haben unsere Wachstumsprognose für den europäischen Chipmarkt in 2003 von 12 % auf Null gesenkt und sehen vorerst keinen Grund, die Aktien zu empfehlen."

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