Gewinnwarnungen
Anleger wollen nicht geschont werden

Am Neuen Markt behalten zu viele Firmen ihre Zahlen zu lange für sich. Doch der Aktienkurs fällt stärker, wenn Gewinnwarnungen scheibchenweise und schonend auf den Tisch kommen.

Gewinnwarnungen lähmen die Börsen. Dennoch ist es keinesfalls egal, wann und wie die Investoren gewarnt werden. Vorsichtig, schonend und verklausuliert formuliert, belasten Gewinnwarnungen den Aktienkurs sehr stark und auf Dauer. Dagegen fahren Anleger und Unternehmen besser, wenn diese ihre Prognosen schnell, drastisch und im Zweifel um ein paar Prozent zu viel nach unten schrauben.

Jüngstes und negatives Beispiel ist Marconi. Der Kurs hat sich in einem Jahr gezehntelt. Der britische Telekomausrüster servierte eine drastische Gewinnwarnung erst, nachdem mehrfach und zuletzt im April über miserable Geschäfte gesprochen wurde. Zu guter Letzt schaffte es der Vorstand auch noch, seine Gewinnwarnung gegenüber der Flut anderer Warnungen in den Mittelpunkt zu stellen, indem er die Aktie einen Tag vorher aussetzen ließ und eine "wichtige Mitteilung" ankündigte.

Firmen kommunizieren ungeschickt

Ungeschickt kommuniziert auch Deutschlands größter Chiphersteller Infineon. So hielt Konzernchef Ulrich Schumacher noch an ehrgeizigen Ertragszahlen fest, als die Krise längst da war und ausgerechnet Siemens-Boss Heinrich von Pierer sie auch öffentlich ansprach. Als Infineon seine Gewinnwarnung viel zu spät präsentierte, stürzte der Kurs 20 Prozent ab. Und das, obwohl Anleger die Aktie schon seit Wochen abstraften, weil sie dem Optimismus keinen Glauben schenkten. Schumachers späte Einsicht und zu zögerliche Informationspolitik wird doppelt und nachhaltig bestraft.

Intel ist zwar genauso stark vom Abschwung in der Halbleiter-Industrie betroffen, agiert aber klüger. Der Gewinnrückgang fiel mit 65 Prozent drastisch aus, doch die Aktie legte daraufhin 20 Prozent zu. Intel schaffte es nämlich, die eigenen Prognosen knapp zu übertreffen. Das gelang nur durch eine vorangegangene Warnung, die heftig ausfiel, die Situation aber fast exakt traf. Anleger gewannen den Eindruck, dass der weltgrößte Chiphersteller sehr früh auf den zyklischen Abschwung hinwies. Zwar verlor auch die Intel-Aktie seit ihrem Hoch 50 Prozent. Doch das ist deutlich weniger als der Verlust bei den Wettbewerbern. Infineon büßte über 70 Prozent ein.

Das geringfügige Schlagen der eigenen Prognosen ist ein erfolgreiches Manöver. Cisco war darin Meister. Zwölfmal hintereinander gelang es, die Gewinne zu steigern und die Prognosen um mindestens einen Cent zu übertreffen. Anleger belohnten die Verlässlichkeit ebenso stark wie die guten Erträge. Das galt auch noch dann, als die Baisse längst die Börsen drückte.

Unternehmen wollen Anleger schonen

Erst als Konzernchef John Chambers begann, die rückläufigen Erträge immer wieder mit Allgemeinplätzen zur konjunkturellen Lage zu verklausulieren, stürzte die Aktie ab. Investoren verübeln weniger die Krise, der ein Gigant wie Cisco nicht entkommt, sondern mehr den Strategiewechsel: Wenn die Geschäfte schlecht laufen, meint Chambers, die Anleger schonen zu müssen, indem er Daten versteckt, häppchenweise und damit verspätet serviert. Während Anlegers Liebling Cisco in schwierigen Zeiten kommunikativ enttäuscht, sticht SAP positiv hervor. Die Software-Schmiede hielt ihre im Vergleich zur Branche konservativen Prognosen immer ein. Nie wurde eine neue Ära versprochen. Lohn für die zeitweise als altmodisch verspottete Informationspolitik: Die Aktie verlor insgesamt "nur" 40 Prozent. Noch besser geht es zwei schon betagten Unternehmen der New Economy: IBM und Microsoft wachsen zwar sehr langsam, doch ihre Erträge sind gut zu prognostizieren. In der jetzigen Baisse verlieren die Kurse kaum.

Schlechte Nachrichten hinauszuzögern statt Anleger frühzeitig aufzuklären, ist in Deutschland mehr als in den USA verbreitet. Am ausgeprägtesten ist die Misere am Neuen Markt. Die Liste der Sünder ist lang. Nur ein Beispiel: Laserspezialist LPKF beharrte noch nach Ablauf des ersten Quartals auf Erfüllung seiner ehrgeizigen Prognosen. Dachten Investoren anfangs noch, LKPF stütze seinen Optimismus auf einen starken Jahresbeginn, so war die Ernüchterung bei Präsentation der Zahlen groß. Umsatz und Gewinn gingen zurück. Doch nicht einmal jetzt machte der Vorstand reinen Tisch. Er versprach eine Aufholjagd und redete die Krise schön.

Es muss belegt werden, was behauptet wird

Die schlechte Kommunikation ist ein wesentlicher Grund, warum der Neue Markt in der Abschwungphase schlechter abschneidet als die große Schwester Nasdaq. Beschönigende Prognosen haben dazu geführt, dass deutsche Aktien das immer beschworene Eigenleben führen - leider in der negativen Abkopplung von der Leitbörse USA.

Während der Euphorie bis März 2000 interessierten Ergebnisse am Rande. Die Zukunft zählte. Doch heute muss belegt werden, was behauptet wird. Je schneller Unternehmen neue Erkenntnisse berichten, desto besser entwickelt sich die Aktie. Das gilt für gute Zeiten genauso wie für schlechte.

Am Neuen Markt behalten zu viele Firmen ihre Zahlen zu lange für sich.

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