Gewinnwarnungen lösen eine Welle von Herabstufungen aus
Analysten reagieren zu spät auf die Trendwende

Viele Aktienexperten korrigieren derzeit ihre überaus optimistischen Anlageurteile nach unten. Doch meist reagieren die Analysten erst, nachdem die Kurse bereits gefallen sind. Als Auslöser für die Welle von Herabstufungen gelten die Trendwende an der Nasdaq und die vielen Gewinnwarnungen.

HB DÜSSELDORF. Im Büro des legendären US-Fondsmanagers Peter Lynch hing eine gerahmte Analystennotiz: "Wegen des kürzlich eingetretenen Konkurses ziehen wir unsere Kaufempfehlung zurück", stand darauf.
Solche Meldungen werden immer häufiger. So empfahl der Analyst Henry Blodget von Merrill Lynch Ende Oktober die Web-Aktie Pets.com mit dem vorsichtig optimistischen Urteil "Akkumulieren" (aufstocken). Doch Anfang November meldete Pets.com Konkurs an, der Aktienkurs fiel auf wenige Pennies. Auch der erste Pleitekandidat vom Neuen Markt, Gigabell, stand auf den Kauflisten mehrerer Banken, als der drohende Bankrott bekannt wurde.

Um so eiliger korrigieren die Analysten derzeit ihre Prognosen nach unten. Ob Gewinnschätzungen, Kursziele oder Anlageurteile - überall weist der Trend abwärts.

Der Einbruch der US-Technologiebörse Nasdaq habe eine grundlegende Trendwende eingeleitet, sagt der Londoner Anlagestratege Ben Funnell von der Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter. Die Analysten müssten sich anpassen. "Viele wurden von der Nasdaq kalt erwischt", sagt Funnell. In der Euphorie vor dem Absturz seien traditionelle Analysekriterien völlig vernachlässigt worden. "Viele Leute haben gar nicht mehr auf die Bewertung geachtet, nur noch auf das Ertragswachstum", sagt der Londoner Aktienexperte. Das räche sich jetzt. Analysten-Beobachter Graham Field führt die vielen Herabstufungen auf die Flut von negativen Nachrichten zurück. "Gerade im ohnehin schwer einschätzbaren Technologie- und Telekombereich überschlagen sich die Gewinnwarnungen", sagt Field, dessen Londoner Firma AQ Publications regelmäßig die Treffgenauigkeit von Analysten untersucht.



Problem: Die gesamtwirtschaftliche Lage

Unter die Räder geraten nicht nur krasse Fälle wie EM.TV, deren Chef Thomas Haffa seine Ertragsprognose um mehrere hundert Millionen Euro zurücknahm. Beim US-Computerhersteller Dell lösten bereits ein leichter Rückgang des Gewinnwachstums massive Kursverluste und Herabstufungen aus.

Für zusätzliche Unsicherheit sorgt laut Field die gesamtwirtschaftliche Lage. Schließlich beruhen die Prognosen der Analysten auch auf Annahmen über die Notenbankzinsen und die weltweite Konjunktur. Beim globalen Wirtschaftswachstum zeichnet sich aber ein Dämpfer ab, der auch die Unternehmensgewinne belasten dürfte.

Hinter der Herabstufungswelle stecken jedoch nicht nur fundamentale Faktoren, meint Anlageberater Felix Schleicher von der Münchner Vermögensverwaltung Fiduka. "Eine positive Analyse zu schreiben, fällt momentan sehr schwer", sagt Schleicher, "weil man damit in diesem Jahr oft schief lag und außerdem das schwarze Bild stört". Während noch im Frühjahr jeder Mahner als Spielverderber gescholten wurde, stehen laut Schleicher jetzt die Optimisten, als Außenseiter da. Und Außenseiter riskieren in der Investmentbranche schnell ihren Job.



Negative Stimmung wird bewusst erzeugt

Zusätzlich schüren einige Unternehmen nach Einschätzung des Fiduka-Experten die negative Marktstimmung bewusst. Sie wollten die Erwartungen der Analysten noch tiefer drücken - um sie im nächsten Jahr dann um so leichter zu übertreffen. "Manche Firmenchefs sagen sich, 2000 ist eh ein mieses Jahr, da kommt s nicht mehr drauf an ", sagt Schleicher. Denn nur wer positiv überrascht, wird mit Kurssteigerungen belohnt. Als wahrer Künstler im Umgang mit den Analysten gilt John Chambers, Chef des US-Netzwerkspezialisten Cisco: Er schaffte es mehr als ein Dutzend mal in Folge, die sorgsam gesteuerten Erwartungen zu übertreffen.

Bleibt die Frage, wann die Herabstufungswelle abebbt. Vermögensberater Schleicher hält die Ratings zu einigen High-Tech-Schwergewichten wie etwa Dell mittlerweile für übertrieben pessimistisch. Das sieht Morgan-Stanley-Stratege Ben Funnell ganz anders: "Die Bullenmarkt-Psychologie ist noch nicht gebrochen", sagt er. Funnell zufolge passen die Analysten ihre Urteile nur in winzigen Tippelschritten der harten Realität an - was im übrigen ein weiterer Grund für die vielen, kleinen Herabstufungen sei.

Denn kaum ein Analyst wagt den radikalen Wechsel von einer Kauf- zu einer Verkaufsempfehlung. So senkte etwa die Investmentbank UBS Warburg ihr Rating für die Daimler-Chrysler-Aktie viermal, bis aus dem extrem positiven Urteil "Strong Buy" über die Stufen "Buy" und "Hold" ein pessimistisches "Reduce" wurde. Als die UBS-Banker nach über einem Jahr ihr Urteil revidiert hatten, war der Aktienkurs längst im Keller.



Anleger sollten auf Zwischentöne achten

Analystenurteile ähneln Arbeitszeugnissen: Interessante Informationen sind häufig zwischen den Zeilen versteckt. Negatives wird oft verklausuliert. Zwar enthalten die Ratingsysteme der Banken auch negative Urteile wie "Sell", das dezentere "Reduce" (Reduzieren) oder "Underweight" (Untergewichten). "Beim durchschnittlichen Wall-Street-Haus sind aber nur null bis fünf Prozent aller Urteile Verkaufsempfehlungen", sagt Ben Funnell von Morgan Stanley. Das liegt - wieder vergleichbar mit dem Arbeitszeugnis - an dem Ärger, den negative Urteile auslösen.

Anleger sollten daher weniger auf das Urteil achten als auf die Tendenz. Jede Herabstufung stellt im Zweifel ein Alarmsignal dar. So reduzierte Morgan Stanley am Montag das Anlageurteil zum Neuer-Markt-Wert Dialog von "Outperform" auf "Neutral". Das mag harmlos klingen - Anlass war jedoch eine Gewinnwarnung, die den Aktienkurs um 60 % einbrechen ließ.

Eine wichtige Rolle spielen die Zwischentöne der Rating-Klaviatur: Statt das Anlageurteil zu senken, reduzieren gerade die US-Häuser häufig nur Gewinnschätzungen und Kursziele. Das macht weniger Aufsehen - und clevere Investoren verstehen die Botschaft dennoch.

So hat etwa Goldman Sachs kürzlich das Kursziel für Daimler-Chrysler-Aktien um ein Drittel gesenkt. Obwohl das Urteil "Market Perform" unverändert blieb, machte Goldman damit seine kritische Haltung klar. Dies gilt um so mehr, als Goldman die Fusion von Daimler und Chrysler mit einfädelte. Negative Urteile von Banken, die mit dem jeweiligen Konzern geschäftlich verbunden sind, sollten Anleger besonders ernst nehmen. Denn wer den eigenen Partner kritisiert, hat dafür meist gute Gründe.



Die Aktienexperten dienen vielen Herren

Schon der Evangelist Matthäus warnt in der Bibel: "Hütet Euch vor den falschen Propheten." Das Bild von den Gelehrten, die öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken, passt zur Zunft der Analysten. Denn zuweilen empfehlen die Wertpapierstrategen eine Aktie, während ihre Bank auf der Verkäuferseite steht.

Die öffentlich verbreiteten Anlageurteile dienen mehreren Zwecken: Die Information der Anleger stellt nur einen Aspekt dar, daneben steht das Interesse an einer hohen Aktiennachfrage und einer guten Kursentwicklung. Von hohen Umsätzen profitiert die Handelsabteilung der Banken, und mit dem Kurs steigen die Chancen der Investmentsparte auf lukrative Aufträge des empfohlenen Unternehmens.

Zeigen Ratings und Markttrend nach oben, dann sind alle zufrieden. Kritik sorgt dagegen für Verstimmung: Viele Anleger ärgern sich, weil sie "ihre" Aktie lieber in positivem Licht sehen wollen und - was für die Banken noch schwerer wiegt - Unternehmen drohen mit Auftragsentzug.

So schockte ein negativer Ausblick des Staranalysten Jonathan Joseph von der US-Bank Salomon Smith Barney im Sommer die Computerchip-Branche, die damals noch kräftig boomte. Der Experte schätzt, dass sein Arbeitgeber daraufhin Aufträge im Wert von mehreren Millionen Dollar verlor, weil viele Chiphersteller die Salomon-Banker schnitten. Da half es auch nichts, dass Joseph mit seiner Warnung bislang Recht behalten hat.

Gerade optimistische Urteile von Emissionsbanken sind mit Vorsicht zu genießen. Ob eine Bank zum Konsortialkreis zählt, erfahren Internetnutzer beispielsweise bei www.onvista.de unter der Rubrik "IPO-Daten" (bei der jeweiligen Aktie).

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