Gewinnwarnungen lösen eine Welle von Herabstufungen aus - Viele Kaufempfehlungen erweisen sich als Fehlurteile - High-Tech-Aktien besonders betroffen
Analysten reagieren zu spät auf die Trendwende an den Börsen

Viele Aktienexperten korrigieren derzeit ihre überaus optimistischen Anlageurteile nach unten. Doch meist reagieren die Analysten erst, nachdem die Kurse bereits gefallen sind. Als Auslöser für die Welle von Herabstufungen gelten die Trendwende an der Nasdaq und die vielen Gewinnwarnungen.

20.12.2000 DÜSSELDORF. Im Büro des legendären US-Fondsmanagers Peter Lynch hing eine gerahmte Analystennotiz: "Wegen des kürzlich eingetretenen Konkurses ziehen wir unsere Kaufempfehlung zurück", stand darauf.

Solche Meldungen werden immer häufiger. So empfahl der Analyst Henry Blodget von Merrill Lynch Ende Oktober die Web-Aktie Pets.com mit dem vorsichtig optimistischen Urteil "Akkumulieren" (aufstocken). Doch Anfang November meldete Pets.com Konkurs an, der Aktienkurs fiel auf wenige Pennies. Auch der erste Pleitekandidat vom Neuen Markt, Gigabell, stand auf den Kauflisten mehrerer Banken, als der drohende Bankrott bekannt wurde. Um so eiliger korrigieren die Analysten derzeit ihre Prognosen nach unten. Ob Gewinnschätzungen, Kursziele oder Anlageurteile - überall weist der Trend abwärts.

Der Einbruch der US-Technologiebörse Nasdaq habe eine grundlegende Trendwende eingeleitet, sagt der Londoner Anlagestratege Ben Funnell von der Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter. Die Analysten müssten sich anpassen. "Viele wurden von der Nasdaq kalt erwischt", sagt Funnell. In der Euphorie vor dem Absturz seien traditionelle Analysekriterien völlig vernachlässigt worden. "Viele Leute haben gar nicht mehr auf die Bewertung geachtet, nur noch auf das Ertragswachstum", sagt der Londoner Aktienexperte. Das räche sich jetzt. Analysten-Beobachter Graham Field führt die vielen Herabstufungen auf die Flut von negativen Nachrichten zurück. "Gerade im ohnehin schwer einschätzbaren Technologie- und Telekombereich überschlagen sich die Gewinnwarnungen", sagt Field, dessen Londoner Firma AQ Publications regelmäßig die Treffgenauigkeit von Analysten untersucht.

Unter die Räder geraten nicht nur krasse Fälle wie EM.TV, deren Chef Thomas Haffa seine Ertragsprognose um mehrere hundert Millionen Euro zurücknahm. Beim US-Computerhersteller Dell lösten bereits ein leichter Rückgang des Gewinnwachstums massive Kursverluste und Herabstufungen aus. Für zusätzliche Unsicherheit sorgt laut Field die gesamtwirtschaftliche Lage. Schließlich beruhen die Prognosen der Analysten auch auf Annahmen über die Notenbankzinsen und die weltweite Konjunktur. Beim globalen Wirtschaftswachstum zeichnet sich aber ein Dämpfer ab, der auch die Unternehmensgewinne belasten dürfte.

Hinter der Herabstufungswelle stecken jedoch nicht nur fundamentale Faktoren, meint Anlageberater Felix Schleicher von der Münchner Vermögensverwaltung Fiduka. "Eine positive Analyse zu schreiben, fällt momentan sehr schwer", sagt Schleicher, "weil man damit in diesem Jahr oft schief lag und außerdem das schwarze Bild stört". Während noch im Frühjahr jeder Mahner als Spielverderber gescholten wurde, stehen laut Schleicher jetzt die Optimisten, als Außenseiter da. Und Außenseiter riskieren in der Investmentbranche schnell ihren Job.

Zusätzlich schüren einige Unternehmen nach Einschätzung des Fiduka-Experten die negative Marktstimmung bewusst. Sie wollten die Erwartungen der Analysten noch tiefer drücken - um sie im nächsten Jahr dann um so leichter zu übertreffen. "Manche Firmenchefs sagen sich, 2000 ist eh ein mieses Jahr, da kommt s nicht mehr drauf an ", sagt Schleicher. Denn nur wer positiv überrascht, wird mit Kurssteigerungen belohnt. Als wahrer Künstler im Umgang mit den Analysten gilt John Chambers, Chef des US-Netzwerkspezialisten Cisco: Er schaffte es mehr als ein Dutzend mal in Folge, die sorgsam gesteuerten Erwartungen zu übertreffen.

Bleibt die Frage, wann die Herabstufungswelle abebbt. Vermögensberater Schleicher hält die Ratings zu einigen High-Tech-Schwergewichten wie etwa Dell mittlerweile für übertrieben pessimistisch. Das sieht Morgan-Stanley-Stratege Ben Funnell ganz anders: "Die Bullenmarkt-Psychologie ist noch nicht gebrochen", sagt er. Funnell zufolge passen die Analysten ihre Urteile nur in winzigen Tippelschritten der harten Realität an - was im übrigen ein weiterer Grund für die vielen, kleinen Herabstufungen sei.

Denn kaum ein Analyst wagt den radikalen Wechsel von einer Kauf- zu einer Verkaufsempfehlung. So senkte etwa die Investmentbank UBS Warburg ihr Rating für die Daimler-Chrysler-Aktie viermal, bis aus dem extrem positiven Urteil "Strong Buy" über die Stufen "Buy" und "Hold" ein pessimistisches "Reduce" wurde. Als die UBS-Banker nach über einem Jahr ihr Urteil revidiert hatten, war der Aktienkurs längst im Keller.

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