„Gewissen Verlockung für die Europäer"
Die doppelte Quadratur des Kreises

Wer für und wer gegen die Aufstockung der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 auf 36 Mannschaften ist

DÜSSELDORF.Er ist ein echter Patriot, dieser Julio H. Grondona. Das für ihn wichtigste WM-Match aller Zeiten: Argentinien - Deutschland 3:2, Finale 1986. Bester Torhüter aller Zeiten: Ubaldo M. Fillol, Argentinien. Lieblingsspieler: Diego A. Maradona, Argentinien. So jedenfalls steht es geschrieben auf der Fifa-Homepage. Beim Weltfußballverband ist der 72-jährige Argentinier einer von sechs Vizepräsidenten und zudem Vorsitzender des Finanzkomitees. Selbstredend ist er auch Präsident des Fußballverbandes in seinem Heimatland. Mit anderen Worten: ein wichtiger Funktionär.

Und wenn sich ein wichtiger Funktionär mit mehreren anderen wichtigen Funktionären zusammentut, dann können Funktionärsträume wahr werden. Denn eigentlich hatten sich Grondona und seine südamerikanischen Präsidentenkollegen geärgert. Über die Fifa. Die hatte Böses im Sinn und den Südamerikanern etwas weggenommen. Zweimal einen halben Startplatz für die WM.

Zwar können die Südamerikaner noch immer vier Teams zur WM schicken - bei nur zehn Mitgliedsstaaten auf dem Kontinent eine satte Quote von 40 Prozent. Aber irgendwie war das zu wenig, bei so viel Tradition im fußballverrückten Südamerika. Dass in den vergangenen Jahrzehnten nur Brasilien und Argentinien sportlich erfolgreich waren, und dafür Afrikaner und Asiaten aufholten - wen kümmert?s? So also brachte der Kontinentalverband einen Antrag ein: Warum denn nicht allen etwas Gutes tun und die Zahl der WM-Teilnehmer von 32 auf 36 Teilnehmer erhöhen?

Klingt ein wenig nach Koalitionsverhandlungen. Die eine Partei hat bei der vergangenen Wahl einige Prozentpunkte weniger erhalten und soll nun auf ein Ministeramt verzichten. Warum nicht die Zahl der Ministerien erhöhen, und alle sind glücklich? Jedenfalls alle Regierungsparteien. Die Bürger und Steuerzahler wahrscheinlich weniger. Die zahlen langfristig drauf.

Die Bürger und Steuerzahler sind in diesem Fall die Fifa, das lokale Organisationskomitee in Deutschland und die Fans. Alle drei sind alles andere als begeistert. Mehr Aufwand, gleicher Ertrag und ein komplizierterer Wettbewerb wären die Folgen der Aufblähung. Die Fifa müsste zusätzliche Prämien an die vier Teams zahlen. Aber die Marketing- und TV-Verträge des Weltverbandes sind schon geschlossen worden. Ein Nachschlag für zusätzliche Teams und Spiele scheint ausgeschlossen. Rechteinhaber Infront verweigerte zu dem Thema jeden Kommentar.

Offener ist da das deutsche OK: "Wir würden gerne bei 32 Teams bleiben", sagt Sprecher Gerd Graus. Schließlich müsste das OK zusätzliche Unterkünfte, Trainingsplätze und Sicherheitsleute bereitstellen. Immerhin würde das OK dabei wohl nicht draufzahlen. Schließlich fließen die Ticket-Einnahmen in seine Taschen. Doch könnte bei einer Aufstockung das Problem der Stadien hinzukommen. Bislang sind es zwölf, doch Fifa-Sprecher Andreas Herren hatte schon gesagt, er halte 13 Stadien bei 70 statt 64 Spielen für sinnvoll. Doch macht man sich etwa beim möglichen Nachrücker Mönchengladbach wenig Hoffnung. "Wir stehen zwar Gewehr bei Fuß, gehen aber nicht davon aus, dass die Fifa auf 36 Teams aufstockt. Falls doch, scheint das OK eher bei zwölf Stadien bleiben zu wollen", sagt Klubsprecher Markus Aretz.

Doch all die Hoffnungen und Probleme müssen die abstimmenden Personen zunächst nicht beeindrucken: "Es gibt 23 Vertreter mit Partikularinteressen und nur einen, der ausschließlich die Interessen der Fifa vertritt, das ist Präsident Blatter", gibt Fifa-Mann Herren zu. Die 23 anderen werden von ihren jeweiligen Kontinentalverbänden ins Exekutivkomitee entsandt und sind offiziell nur ihrem Gewissen unterworfen. Gerade die Gesandten aus sportlich mittelmäßigen Ländern könnten dem Antrag zustimmen. Die Chancen, dass ihr Land bei der nächsten WM dabei wäre, würden ja steigen. Der mächtige Uefa-Präsident Lennart Johannson sprach sich schon mal für die Ausweitung aus. Und grundsätzlich stimmte die Exekutive vor wenigen Wochen der Aufstockung zu - sofern ein "fairer und transparenter Spielplan" erstellt werden kann.

Tag der Entscheidung ist 28. Juni. Bis dahin hat Joseph Blatter Zeit, seine lieben Kollegen zu überzeugen, den Antrag abzuweisen. Denn: "Nicht alles, was machbar ist, ist auch wünschenswert", so Herren. Langfristig würde die gesamte WM leiden. Hauptproblem: ein fairer und sportlicher Spielplan. 36 Teams bedeuteten wohl neun Gruppen mit vier Mannschaften. Dann kämen die Gruppenersten und die sieben besten Gruppenzweiten weiter. Das Gerechne ginge los. "Ein fairer Modus mit 36 Teams wäre die doppelte Quadratur des Kreises", sagt Herren.

Gerhard Mayer-Vorfelder spricht zwar von einer "gewissen Verlockung für die Europäer", gilt aber als Gegner des Vorschlags. Kaum verwunderlich, denn Deutschland ist als Gastgeber bereits qualifiziert. Dabei ist der DFB-Präsident auch ein guter Patriot. Sein Lieblingsspiel: Deutschland - Ungarn 3:2, 1954. Der beste Torwart aller Zeiten: Oliver Kahn. Bester Spieler überhaupt: Franz Beckenbauer.

Quelle: Handelsblatt

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