Gezielter Abschuss
Entlassungen bei Startups: Auf die Methode kommt es an

Entlassungen sind oft die letzte Überlebenschance für ein Unternehmen. Das lernt jetzt auch die New Economy. Gerade unerfahrene Unternehmen geraten aber häufig in Fallstricke: Denn Mitarbeiter zu feuern ist die eine Sache, ihnen und dem Unternehmen dabei möglichst wenig zu schaden die andere.

DÜSSELDORF. In Amerika wurden in diesem Jahr bisher über 350 000 Arbeitsplätze abgebaut. Die jüngste Ankündigung von Cisco Systems, 8 500 Stellen zu streichen, zeigt, dass diese Entwicklung nicht auf junge Unternehmen aus der Hochtechnologie- und Internet-Branche in Amerika beschränkt ist.

Aber gerade aus der Dotcom-Welt dringen einige beunruhigende Vorgänge nach außen: Geschichten über Mitarbeiter, die vor verschlossenen Türen standen oder deren Zugangs-Codes gesperrt wurden. Geschichten über Urlaubsrückkehrer, die nach einer Woche Abwesenheit jemand anderen an ihrem Schreibtisch vorfanden. Und Geschichten über Angestellte, die zuerst aus dem Radio oder Fernsehen oder aus Internet-Klatschspalten wie "fuckedcompany.com" von ihrer Entlassung erfuhren.

Wann ist es wirklich nötig, Leute zu feuern?

Das sind Horrorgeschichten, die nicht dem Alltag entsprechen. Aber viele ähnliche Darstellungen machen in Europa bereits die Runde. Ist das ein Trend in der New Economy? Sicher nicht. In Wirklichkeit sind solche Vorfälle meiner Erfahrung nach eine Kombination von dummen Fehlern und eklatanter Unerfahrenheit.

Wie aber lässt sich der Prozess am besten steuern? Die erste Frage, die sich ein Unternehmen stellen muss, lautet: Wann ist es wirklich nötig, Leute zu feuern?

Auf den Kapitalmärkten sind Entlassungen ein wirksames, wenn auch teures Stück Öffentlichkeitsarbeit: Die Ankündigung von Cisco, 18 Prozent der Belegschaft abzubauen, wurde im Zusammenhang mit mehreren Gewinnwarnungen veröffentlich. Bei Aktiengesellschaften sind die möglichen negativen Auswirkungen auf das Arbeitsklima, die Kundenbeziehungen und den Umsatz real, wenn sie auch nicht sofort in den Unternehmenskennzahlen ablesbar sind.

Für Startups gelten andere Regeln

Für ein Startup sieht die Welt anders aus: Hier können die Auswirkungen auf das Arbeitsklima und die Einschätzung der Kunden fatal sein, wenn ein Jungunternehmen die Entlassungen falsch angeht. Oft ist es gar zu spät: Die Startups sind gefangen von der Begeisterung "einzustellen, einzustellen, einzustellen".

Die Einsicht, dass die angestrebten Umsätze und Kapitalaufnahme kurzfristig niemals die Kosten abdecken, kommt häufig stark verzögert. Das Erste, das dann über Bord geht, sind immer die Marketingausgaben. Aber danach wendet sich das Management ziemlich schnell hart gegen die Mitarbeiter. Oberstes Gebot: Nichts verschieben. Je länger sich Entlassungen verzögern, desto schlimmer wird es für alle.

Entschädigungen sind nützliches, aber teures Werkzeug

Über das pure Einhalten der gesetzlichen Vorschriften hinaus gibt es viele Wege, den möglichen Schaden einer Arbeitsplatzstreichung gering zu halten. Abzuwägen bleibt das Risiko von schlechter Presse und einem kühleren Klima im Unternehmen. Um diese Gefahr zu verringern, sind zusätzliche Entschädigungen ein nützliches, aber auch teures Werkzeug. Ein Beispiel: Das Startup TheStreet.com bot sämtlichen Mitarbeitern umfangreiche Abfindungspakete an, als der Betrieb in Großbritannien eingestellt wurde. Vielleicht deshalb, weil die Gefahr, als Informationsportal eine negative Berichterstattung auszulösen, größer als bei anderen Unternehmen ist.

Eine weitere Möglichkeit ist das Angebot an die Mitarbeiter, freiwillig auszuscheiden. So geschehen beim Internet-Beratungsunternehmen Razorfish, das im Februar in drei Niederlassungen zur Tat schritt und zusätzlich eine Barabfindung anbot. Das Problem: Das Management verliert die Kontrolle darüber, wer bleibt und wer geht. Dafür schont diese Methode das Arbeitsklima und verhindert mögliche Auseinandersetzungen vor Gericht.

Neuer Trend: Outplacement-Dienste

Eine Neuerung aus den USA, die sich immer mehr einbürgert, ist es, Outplacement-Dienste anzubieten. In Schulungen lernen die Mitarbeiter, sich Netzwerke aufzubauen und einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Sie können eine Karriereberatung in Anspruch nehmen und erhalten Hilfe bei der Vorbereitung des Lebenslaufs und des Vorstellungsgesprächs. Selbst einen einen Schreibtisch, eines PC und ein Telefon erhalten die Kunden als Unterstützung bei der Jobsuche.

Und schließlich zahlt sich Ehrlichkeit wirklich aus. So baute zum Beispiel das Management der PapierbörsePaperx.com ein Drittel der Belegschaft ab und erläuterte den verbleibenden Mitarbeitern die schwierige Unternehmenssituation. In den nächsten drei Monaten unterrichtete der Vorstand die Angestellten über jede Initiative und jedes Treffen mit den Risikokapitalgebern. Sie erhielten ein realistisches Bild der Überlebenschancen des Unternehmens. Damit ersparte sich das Unternehmen, in den Abwärtsstrudel der Verzweiflung zu fallen.

Die wichtigste Regel: Gesetzliche Vorschriften beachten

Wie auch immer man vorgehen will, die wichtigste Regel ist es, sich nach dem Gesetz zu richten. Unterschiedliche Länder haben eine drastisch unterschiedliche Gesetze für den Arbeitsmarkt, und Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Eine weitreichende Beratung ist also dringend zu raten. Viele Gerichte werden nicht zögern, Unternehmen zu bestrafen, die sich über den strikten Kündigungsschutz hinwegsetzen.

Deshalb sollte man auf jeden Fall auf juristische Fachkompetenz zurückgreifen. Es kostet letzten Endes mehr, wenn man sich nicht beraten lässt, und es wird sich negativ auf wichtige Beziehungen zu ehemaligen und gegenwärtigen Mitarbeitern auswirken. Zudem vertut man dabei zu viel Zeit mit Angelegenheiten, die eigentlich längst abgeschlossen sind. Und das gerade dann, wenn das Geschäft die Konzentration auf die wegweisenden Entscheidungen verlangt. Dieses Risiko einzugehen lohnt sich nicht.

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