Giftanschlag in London
Unter Exilrussen geht die Angst um

Nach der Vergiftung des russischen Ex-Spions Alexander Litvinenko ist in Moskau an der Themse das Leben anders geworden. Unter den 200 000 Londoner Exilrussen geht die Angst um, gleichbedeutend mit der Gewissheit, dass Litvinenko nicht das letzte Opfer war.

LONDON. Als der blonde 44-jährige Russe vor ein paar Wochen bei einer Londoner Diskussionsveranstaltung über die Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja das Mikrophon nahm, wurde es mäuschenstill: "Ich will ganz offen sprechen", sagte Alexander Litwinenko. Er stellte sich als ehemaliger KGB-Oberst vor. "Niemand hätte Anna umbringen können, ohne Genehmigung von ganz oben. Ich bin mir sicher. Putin hat sie umgebracht".

Am gestrigen Donnerstag lag Litwinenko todkrank, gelb, ohne Haare auf einer Intensivstation und kämpfte um sein Leben. "Sein Zustand hat sich in der Nacht dramatisch verschlechtert und ist kritisch", so ein Bulletin des Krankenhauses. Das Rätsel um seine mysteriösen Erkrankung wurde durch das Bulletin nur noch größer.

Niemand zweifelt an der Giftmord Theorie. Berichte, bei Röntgenaufnahmen seien in seinem Darm Objekte festgestellt worden, waren nicht richtig. Es war Preußisch Blau, Bestandteil der Therapie, erklärt Dr. Geoff Bellingan. Mehr weiß er auch nicht. Es war jedenfalls nicht Thallium, auch kein radioaktives Schwermetall.

Auch die Theorie, Litvinenko sei in einer Sushi Bar gegenüber dem Ritz vergiftet worden, hat man wieder aufgegeben. Nun wird nach einem Unbekannten namens Wladimir gesucht, mit dem er sich kurz vorher im Millennium Hotel zum Tee traf. "Wahrscheinlich ein ehemaliger Kollege, den der KGB herumgedreht hat", so der Doppelspion Oleg Gordiewskij. "Der hat ihm im Hotel Gift in den Tee gegeben". Scotland Yard schweigt oder tappt im Dunkeln.

Viele Freunde kamen in den letzten Tagen zum Besuch zu "Sascha" ins Krankenhaus. Alle gehören zum Kreis um Altoligarch Boris Beresowskij, der großen Schaltstelle für die Politischen unter den über 200 000 Londoner Exilrussen. Alle zeigen mit dem Finger auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin.

"Er schreit vor Schmerz", sagte Andrej Nekrasow nach seinem Besuch am Mittwoch. Er drehte einen Film über das Buch, in dem Litwinenko behauptete, Putin selbst habe die Anschläge auf Moskauer Wohnblocks verübt, um einen Vorwand zum Krieg gegen tschetschenische Rebellen zu haben. Oder Alex Goldfarb. "Niemand behauptet, dass Putin selbst den Befehl gegeben hat, aber das ist wahrscheinlich", sagte er. Er sah Litwinenko am Donnerstag morgen durch die Glasscheibe der Intensivstation. "Er hatte schwere Beruhigungsmittel. Er hatte einen Herzinfarkt in der Nacht". Oder Akhmed Zakajew, der tschetschenische Ex-Rebellenkommandeur, der in der gleichen Nordlondoner Straße wie Litwinenko wohnt. Niemand sei in London mehr sicher vor dem russischen Geheimdienst, sagte er der "Times".

Mokau weist solche Verdächtigungen kühl zurück. Litwinenko, so wird Geheimdienstsprecher Sergej Iwanow zitiert, sei "nicht die Person, wegen der wir bilaterale Beziehungen aufs Spiel setzen". Warum sollte Moskau auch eine PR-Agentur anheuern, um das Image im Westen aufzupolieren, und alles dann wegen einem so kleinen Fisch aufs Spiel setzen?

In Moskau an der Themse ist das Leben anders geworden. "Litwinenko ist nicht das letzte Opfer", prophezeit Altdissident Wladimir Bukowskij und denkt an alte Zeiten zurück.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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