Gilberto Benetton ist der Stratege der Industriellenfamilie
Der bauernschlaue Fürst

Der Renaissance-Saal besitzt herrschaftliche Dimensionen. Die in Brauntönen gehaltenen Fresken sprechen eine kraftvolle Sprache. "Das hier ist mein Büro - das Zimmer der Giganten", erklärt Gilberto Benetton lächelnd und zeigt auf die bärtigen Helden an der Wand.

PONZANO VENETO. Neben diesen grimmigen Muskelprotzen wirkt der durchaus breitschultrige Mann mit dem grau melierten Haar recht zierlich. Benetton, offenes Hemd und Pulli, tritt bescheiden auf. Dennoch spiegelt das Ambiente der prachtvollen Villa Minelli, eines Landsitzes aus dem siebzehnten Jahrhundert im Hinterland von Venedig, perfekt seine heutige Bedeutung und die der Benetton-Dynastie wider. Spielt sein ältester Bruder Luciano seit jeher die Rolle des kreativen Genies der Familie, so ist "Signor Gilberto" - wie ihn seine Mitarbeiter locker nennen - der Finanzstratege der Sippe.

Er hat immer im Hintergrund gearbeitet und ist dennoch hauptverantwortlich für den fast unermesslichen Reichtum der Benettons. Der Vater zweier Töchter besitzt zwar keinen Hochschulabschluss, dafür hat er ein hervorragendes Näschen für die richtigen Investitionen zur richtigen Zeit. Bauernschläue würde man in Bayern dazu sagen. So erkannte Gilberto frühzeitig, dass die Familie ihre Gewinne aus dem Geschäft mit den bunten Pullis der "United Colors" streuen muss, um die zyklischen Schwankungen der Modebranche abzudämpfen. Also ergriffen die Benettons über ihre Familienholding Edizione beherzt die größte Geschäftschance, die sich im Italien der neunziger Jahre bot: die Privatisierungen.

Obwohl die Unternehmer als Neureiche nicht zum alteingesessenen Establishment gehörten und sich auch aus den politischen Zirkeln Roms heraushielten, kamen sie stärker zum Zuge als irgendein anderer Einzelinvestor. Warum? "Wir hatten einfach das Geld dazu", lacht Gilberto breit mit einer entwaffnenden Natürlichkeit. War und ist die Benetton Group der Ursprung und die Basis aller Aktivitäten, so sind frühere Staatsunternehmen wie der Handelskonzern GS, der Raststättenbetreiber Autogrill und die Autobahngesellschaft Autostrade verantwortlich für den Aufstieg der vier Geschwister in den Olymp des Italo-Kapitalismus. "Das beste Geschäft unseres Lebens haben wir mit dem Verkauf von GS an Carrefour aus Frankreich gemacht", freut sich Gilberto bis heute diebisch über den Deal vor drei Jahren. Der hat Edizione einen Milliarden-Gewinn beschert.

Letzter Beweis für seine Zugehörigkeit zum Kreis der absoluten Unternehmer-Elite des Landes war am letzten Wochenende die Berufung Gilberto Benettons in den Verwaltungsrat der extrem einflussreichen Mailänder Investmentbank Mediobanca. Doch auch er, der bereits als Jugendlicher ständig hoch hinaus wollte, hat nicht immer ins Schwarze getroffen. Mit dem Mobilfunkabenteuer des inzwischen abgewickelten Providers Blu hat die Familie rund 150 Millionen Euro versenkt. Und der Buchverlust in Sachen Telecom Italia, die im letzten Jahr gemeinsam mit Pirelli übernommen wurde, ist gut doppelt so hoch. "Ich glaube dennoch, dass sich die Investition eines Tages rechnen wird.

Wann, das kann ich Ihnen heute aber beim besten Willen nicht sagen. Das wäre auch unseriös", meint er realistisch. Diese Ehrlichkeit lässt Menschen in seinem Umfeld zu dem Schluss kommen, dass er mit seinen Füßen fest auf dem Boden stehe. Abgehoben hat er in den Jahren des atemberaubenden Aufstiegs nie, obwohl er ständig zu Meetings in Mailand, London und New York unterwegs war. Vielmehr bleibt er tief verwurzelt in seiner Heimatstadt Treviso: "Ich bin im Herzen der Stadt geboren, hier sind meine Ursprünge."

Daher legt er sich auch für lokalpolitische Themen ins Zeug wie die Verkehrsberuhigung der verwinkelten Altstadt. Und er wird nie müde, leidenschaftlich für den Sport zu werben. Immerhin geht er selbst - natürlich standesgemäß - mit gutem Beispiel voran. So ist er Besitzer einer erstklassigen Basketballmannschaft sowie eines Volleyball- und Rugbyclubs. In einer Lokalzeitung beklagte Gilberto Benetton kürzlich bitterlich, dass die Spiele seiner Top-Teams so schlecht besucht seien: "Jeder Bürger sollte seinen Verpflichtungen nachkommen", tadelte er streng - so ganz im Stile eines mächtigen Renaissance-Fürsten.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%