Glaube an den Aufschwung
Aktienschwäche ist keine ernste Gefahr für Wirtschaft

Die Kursverluste der Aktien seien weniger in der wirtschaftlichen Situation begründet als im Vertrauensverlust der Anleger nach den Bilanzskandalen in den USA, urteilen Analysten.

rtr FRANKFURT. Die jüngsten Kursstürze an den internationalen Aktienmärkten bedeuten nach Einschätzung von Volkswirten noch keine ernste Gefahr für die Gesamtwirtschaft in Deutschland und den USA. Die realwirtschaftlichen Daten wiesen trotz der Börsenturbulenzen weiter auf einen Aufschwung hin, sagen die Analysten. Zwar könnten weiter fallende Aktienkurse besonders amerikanische Verbraucher mit ihren Ausgaben vorsichtiger werden lassen. Diesem Effekt wirke jedoch entgegen, dass der Immobilienmarkte in den USA stabil sei. "Sicher ist das Risiko da. Wir glauben aber noch, dass sich die konjunkturellen Auftriebskräfte durchsetzen können", sagte Volkswirt Ulrich Beckmann von der Deutschen Bank. Die rasante Talfahrt der US-Aktien hat in den vergangenen Wochen das Vermögen der US-Bürger schrumpfen lassen, die besonders für ihre Altersvorsorge vergleichsweise stark in Aktien investieren. Der Dow-Jones-Index fiel zuletzt bis auf den niedrigsten Stand seit Oktober 1998. Der deutsche Aktienindex (Dax) rutschte am Mittwoch auf das Niveau von Mitte 1997.

Eine Gefahr für die Konjunktur in den USA und in Europa wollen die Volkswirte nicht ganz ausschließen, schätzen sie aber eher als gering ein. "Dauernd fallende Kurse lassen Unternehmen nicht investieren und die Verbraucher geben kein Geld aus", beschreibt Beckmann die mögliche Wirkung weiter nachgebender Aktienkurse. In Deutschland könnten anhaltende Kursverluste die sowieso schon angeschlagene Verbraucherstimmung weiter verschlechtern und so den Aufschwung bremsen. Doch wie seine Kollegen sieht Beckmann noch keinen Grund, ein Krisenszenario für die Wirtschaft heraufzubeschwören. Auch Elga Bartsch von Morgan Stanley hält das Risiko für die Konjunktur für begrenzt. "Ich glaube, dass die Auswirkungen der Kursverluste eher minimal sein werden", sagt die Volkswirtin. Dafür sprächen die stabilen Frühindikatoren wie der Ifo-Geschäftsklimaindex. "Bislang war der Ifo unbeeindruckt von den Kursverlusten der Aktien", sagt Bartsch. Der am Donnerstag anstehende Ifo-Index für Juli werde aber weiteren Aufschluss darüber geben, inwieweit die Aktienschwäche auf die Stimmung der Unternehmen geschlagen hat.

Auch in den USA gibt es den Volkswirten zufolge noch keine Zeichen für ein Abknicken der Konjunktur. "Die Stimmungsindikatoren haben zwar etwas nachgegeben, deuten aber immer noch auf eine Expansion hin", sagt Thomas Amend von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Wie Bartsch verwies der HSBC-Analyst darauf, dass die Kaufkraft der US-Verbraucher nicht allein von den Aktienkurse abhängt. "Der stabile Immobilienmarkt hat auf der Vermögensseite für einen Ausgleich für die Aktienkursverluste gesorgt." Für die Volkswirte spricht viel dafür, dass sich die Aktienkursentwicklung derzeit auf Grund von besonderen Faktoren von der realen Wirtschaft abgekoppelt hat. "Diesesmal ist es nicht nur die Unsicherheit über die Zukunft, sondern auch die Unsicherheit über die Vergangenheit", sagt Beckmann mit Blick auf die Bilanzskandale in den USA, die das Vertrauen der Anleger in die Ergebnisse der Unternehmen schwer beschädigt haben. Dass Aktienkurse und Konjunkturentwicklung auseinander laufen, ist Volkswirt Gernot Nerb vom Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) zufolge nicht ungewöhnlich und meist nur vorübergehend.

In ähnlichen Situationen in der Vergangenheit wie der Asienkrise 1997 habe sich die Aktienkursentwicklung aber jeweils relativ schnell wieder der Konjunktur angepasst, sagt Nerb. "Bisher haben Aktienmarktkrisen nie lang genug angehalten, um eine merkliche und bedeutende Auswirkung auf die Realwirtschaft zu haben, und das sollte diesesmal nicht anders sein."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%