Archiv
Gleich fünf TV-Sender wollen Reisen vermarkten

Der Weg zum Pauschalurlaub führt längst nicht mehr automatisch über das Reisebüro. Schon das Internet bietet reichlich Angebote, obgleich die tatsächlich online gebuchten Umsätze langsamer wachsen als erhofft. Jetzt wird Deutschland als größter europäischer Reisemarkt zum Testfall für einen neuen Vertriebsweg der Tourismusbranche: das Fernsehen.

Reuters HANNOVER. Bis spätestens zum nächsten Frühjahr könnten bis zu fünf Anbieter auf Sendung sein. Dabei sind die Prognosen über diesen Markt äußerst vage. Doch inzwischen sind die großen Medienkonzerne Kirch und Bertelsmann ins Rennen gegangen und investieren kräftig. Klar ist jetzt schon, dass am Ende nicht alle Projekte überleben werden. Und die Reisebüros warnen die Reiseveranstalter bereits vor TV-Dumpingangeboten.

An diesem Freitag startet in Hannover TV Travel Shop, deutscher Ableger des gleichnamigen Senders, der bereits seit drei Jahren in Großbritannien aktiv ist. Das 24-Stunden-Programm erreicht bisher via Astra-Satellit gut zehn Mill. Haushalte. Miteigentümer ist Europas größter Reiseveranstalter TUI aus dem Preussag-Konzern mit 25 %. Andere Reisekonzerne halten sich mit finanziellen Beteiligungen zurück und setzen vorerst auf Kooperationen, meist mit mehreren Sendern. Auch TUI wird möglicherweise nicht auf Dauer ausschließlich bei TV Travel Shop anbieten. Kontakte gibt es zu RTL, dessen neuer Verkaufssender RTL Shop ebenfalls am Freitag mit einem zweistündigen Reiseverkaufsprogramm startet.

"In dem Markt ist Musik", sagt TV Travel Shop-Chef Rainer Ortlepp. "Wir sind im übrigen neutral. TUI wird nicht bevorzugt behandelt." Ortlepp bemüht sich derzeit nicht nur um den Ausbau des Senders mit eigenem Call-Center und Verträge mit bislang gut einem Dutzend Veranstaltern, sondern insbesondere um Sendeplätze im Kabelfernsehen. Denn in den nächsten Monaten wird auch entschieden, welche reinen Verkaufssender in Deutschland von den Landesmedienanstalten die begehrten Kabelkanäle bekommen. "Reisefernsehen ist ein lukratives Thema", sagt Medienanalyst Bernhard Tubeileh von der Investmentbank Merril Lynch. "Die Entwicklung der Shopping-Kanäle steht erst am Anfang."

So hat TV Travel Shop Germany binnen kurzer Zeit mächtige Konkurrenz bekommen. Bis zu dessen Gründung im vorigen Herbst sendete lediglich der kleine Privatsender Via1-Schöner Reisen größtenteils digital und verschlüsselt ins Kabelnetz mit einer noch relativ kleinen Reichweite von drei Mill. Haushalten. Inzwischen hat sich RTL-Eigner Bertelsmann mit zehn Prozent an Via1 beteiligt und nutzt die Kooperation für RTL Shop. "Was die künftige Zusammenarbeit angeht, haben beide Partner viel Phantasie", sagte Via1-Geschäftsführer Gunther Holzschuh. Europas zweitgrößter Touristik-Konzern, die Karstadt-Lufthansa-Tochter Thomas Cook (ehemals C&N), setzt ebenfalls auf Via1. Bei TV Travel Shop scheiterte ein Engagement bislang an zu hohen Provisionsforderungen.

"Ich glaube nicht, dass der Markt auf Dauer für fünf Sender reicht", sagt Holzschuh. Pünktlich zum TV Travel Shop-Start kündigte Via1 an, noch in diesem Sommer auch via Satellit senden zu wollen, um damit die Reichweite zu erhöhen.

Der in Belgien und Frankreich bereits aktive Sender Liberty TV hat nach einer Ankündigung noch keine genauen Pläne für einen Einstieg in Deutschland vorgelegt. Umso agiler ist auf Seiten der Kirch-Gruppe der Sender tm3. Die Beteiligung von ProSiebenSat.1 Media an tm3-Eigner Euvia eröffnen dem für nächstes Frühjahr geplanten Reiseverkaufskanal mit dem Arbeitstitel "Urlaubsreif" erhebliches Marketingpotenzial. Zudem will tm3-Chefin Christiane zu Salm von den Erfahrungen des Verkaufssenders H.O.T. ihres Miteigentümers Home Shopping Europe profitieren. Seit Januar testet tm3 bereits täglich einige Stunden "Urlaubsreif" und hat nach Branchenschätzungen etwa knapp 40 Mill. DM umgesetzt.

"Langfristig wird es nur zwei Sender geben", sagt zu Salm, einen hohen Live-Anteil mit unmittelbarer Einbeziehung der Zuschauer plant. Mit 33 Mill. Haushalten hat tm3 zwar bislang die größte Reichweite, bräuchte aber für das geplante 24-Stundenprogramm ebenfalls neue Kabelplätze.

"Der Beweis, dass Reise-TV in Deutschland funktioniert, muss erst noch angetreten werden", weiß auch Via1-Chef Holzschuh. Alle verweisen auf die Erfolge von TV Travel Shop in England mit inzwischen mehr als einer halben Milliarde DM Umsatz und die wachsende Akzeptanz herkömmlicher Verkaufssender wie H.O.T und QVC in Deutschland mit Kochtöpfen, Schmuck und Fitnessgeräten.

Spätestens nach drei Jahren soll Reiseverkauf per TV Gewinne abwerfen. Derzeit wird heftig um die Provisionen mit den Veranstaltern gefeilscht. tm3 möchte gern mehr als die bei Reisebüros üblichen gut zwölf Prozent, schließlich habe Fernsehen einen ganz anderen Werbeeffekt als ein Reisebüro. Die Verhandlungen darüber mit Thomas Cook wie auch mit dem Rewe Touristik seien noch nicht abgeschlossen, sagt zu Salm. Der Präsident des Deutschen Reiseveranstalter und Reisebüroverbandes, Klaus Laepple, sieht die Reisebüros nicht gefährdet. Entscheidend sei aber, dass die Reiseveranstalter über das Fernsehen keine günstigeren Preise anbieten. "Das wäre eine Kriegserklärung an die Reisebüros.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%